Hunderttausende Kinder in Japan gehen über längere Zeit nicht mehr zur Schule. Gleichzeitig geben zahlreiche Mütter ihren Beruf auf, weil ihre Kinder zu Hause nicht allein bleiben können.
Auf den ersten Blick entsteht ein verstörendes Bild: Eine moderne, wohlhabende und für ihre guten Bildungsergebnisse bekannte Gesellschaft scheint eine enorme Zahl psychisch auffälliger oder „schulunfähiger“ Kinder hervorzubringen.
Doch sind diese Kinder tatsächlich gestört?
Oder zeigt sich hier vielmehr, was passiert, wenn ein ausgesprochen starres Schulsystem auf Kinder trifft, die nicht in die vorgesehene Form passen?
Mehr als 350.000 Kinder fehlen langfristig
Im jüngsten erfassten Schuljahr galten in Japan 353.970 Grund- und Mittelschüler als sogenannte Schulverweigerer. Gemeint sind damit Schüler, die innerhalb eines Schuljahres mindestens 30 Tage fehlen und deren Abwesenheit nicht durch eine körperliche Erkrankung oder finanzielle Gründe erklärt wird.
Damit betrifft das Problem ungefähr jedes 26. Kind im entsprechenden Schulalter. Besonders hoch ist der Anteil unter den Mittelschülern.
Diese Kinder sind jedoch nicht automatisch psychiatrisch krank. Unter die Definition fallen sehr unterschiedliche Fälle: Kinder mit Ängsten, Depressionen oder Schlafproblemen, Opfer von Mobbing, sozial überforderte Schüler, neurodivergente Kinder und Jugendliche, die nach längeren Fehlzeiten schlicht keinen Weg mehr zurück in den Schulalltag finden.
Die Bezeichnung „Schulverweigerer“ ist deshalb eigentlich irreführend.
Viele dieser Kinder verweigern die Schule nicht aus Bequemlichkeit. Sie schaffen es psychisch nicht mehr, hinzugehen.
Wenn Anpassung wichtiger wird als Individualität
Japanische Schulen genießen international einen guten Ruf. Die Leistungen sind hoch, der Unterricht ist strukturiert und der Schulalltag folgt klaren Regeln.
Doch genau diese Ordnung besitzt eine Schattenseite.
Das japanische Schulsystem legt großen Wert auf Disziplin, Einheitlichkeit und die Anpassung an die Gruppe. Kleidung, Verhalten, Tagesablauf und teilweise sogar Frisuren werden vergleichsweise streng geregelt. Kinder sollen sich in die Gemeinschaft einfügen und möglichst wenig negativ auffallen.
Für selbstsichere und sozial gut eingebundene Kinder kann dieses System hervorragend funktionieren.
Für sensible, ängstliche, hochbegabte, autistische, übergewichtige, leistungsschwächere oder einfach unangepasste Kinder kann der tägliche Schulbesuch dagegen zu einer permanenten Belastungsprobe werden.
Das Problem besteht dann nicht unbedingt darin, dass mit dem Kind etwas nicht stimmt.
Möglicherweise ist vielmehr die Vorstellung davon zu eng, wie ein „richtiges“ Kind zu sein hat.
„Fehlende Motivation“ ist häufig keine Faulheit
Als häufige Hintergründe der Schulverweigerung werden unter anderem fehlender Antrieb, gestörte Schlafrhythmen, Ängste und depressive Symptome genannt. Hinzu kommen Konflikte mit Mitschülern, familiäre Belastungen und Schwierigkeiten, sich an den Schulalltag anzupassen.
Dabei klingt „fehlende Motivation“ zunächst nach einem Erziehungsproblem.
Doch ein Kind, das morgens nicht mehr aufstehen kann, muss nicht faul sein. Antriebslosigkeit kann Ausdruck von Depression, Angst, chronischer Überforderung oder innerer Resignation sein.
Häufig entwickelt sich eine regelrechte Abwärtsspirale:
Das Kind fühlt sich in der Schule unwohl und bleibt zunächst einzelne Tage zu Hause. Dadurch verpasst es Unterrichtsstoff und verliert den Anschluss an die Klasse. Gleichzeitig wächst die Angst vor Fragen der Mitschüler und Lehrer.
Je länger die Abwesenheit dauert, desto schwieriger wird die Rückkehr.
Irgendwann ist nicht mehr nur die ursprüngliche Belastung das Problem. Jetzt erzeugt bereits der Gedanke an die Rückkehr neue Panik.
Aus einigen Fehltagen werden Wochen. Aus Wochen werden Monate.
Mobbing muss nicht laut sein
Mobbing spielt bei Schulverweigerung vermutlich eine größere Rolle, als offizielle Statistiken erkennen lassen.
Kinder berichten ihren Eltern nicht immer offen, dass sie ausgegrenzt oder gedemütigt werden. Gerade subtiler sozialer Ausschluss ist für Erwachsene schwer zu erkennen.
Es braucht keine körperlichen Übergriffe.
Ignoriert zu werden, nicht mehr zu Gruppen zu gehören, aus Klassenchats ausgeschlossen zu werden oder ständig das Gefühl vermittelt zu bekommen, falsch zu sein, kann für ein Kind ebenso zerstörerisch wirken.
In einer stark gruppenorientierten Gesellschaft kann bereits das dauerhafte Gefühl, nicht dazuzugehören, zu einer massiven psychischen Belastung werden.
Corona war ein Beschleuniger, aber nicht die Ursache
Die Zahl der längerfristig fehlenden Schüler steigt in Japan bereits seit vielen Jahren. Die Coronapandemie hat die Entwicklung deshalb nicht ausgelöst.
Sie dürfte sie jedoch verstärkt haben.
Während der Schulschließungen gingen soziale Routinen verloren. Schlafrhythmen verschoben sich, Kontakte nahmen ab und digitale Medien gewannen an Bedeutung. Bei manchen Kindern verstärkten sich Ängste und depressive Beschwerden.
Andere bemerkten möglicherweise während des Unterrichts zu Hause erstmals, wie stark sie die tägliche Schule zuvor belastet hatte.
Nach Monaten außerhalb des gewohnten Systems ließ sich die frühere Normalität nicht einfach wieder einschalten.
Viele Kinder bekommen keine ausreichende Hilfe
Besonders erschreckend ist, dass ein erheblicher Teil der betroffenen Schüler keine professionelle Beratung oder angemessene Unterstützung erhält.
Japan hat inzwischen begonnen, alternative Lernwege stärker anzuerkennen. Dazu gehören Bildungsberatungsstellen, schulinterne Rückzugsräume, digitale Lernangebote und private sogenannte Free Schools. Auch zu Hause oder außerhalb der regulären Schule erbrachte Lernleistungen können unter bestimmten Voraussetzungen berücksichtigt werden.
Doch das Angebot erreicht längst nicht alle Familien.
Lehrkräfte sind teilweise überfordert, Schulen verfolgen unterschiedliche Strategien und der Kontakt zu zurückgezogenen Kindern bricht nicht selten vollständig ab.
Dabei müsste die entscheidende Frage lauten:
Wie kann dieses Kind weiter lernen und sich entwickeln?
Stattdessen steht häufig zunächst die Frage im Mittelpunkt:
Wie bekommen wir das Kind wieder zurück in den normalen Unterricht?
Das ist nicht dasselbe.
Die Mütter zahlen den Preis
Eine Untersuchung unter betroffenen Familien zeigt eine weitere dramatische Folge: Wenn Kinder über längere Zeit nicht zur Schule gehen, reduzieren überwiegend die Mütter ihre Arbeitszeit oder geben ihren Beruf vollständig auf.
In der zitierten Befragung hatten 19,9 Prozent der Mütter ihren Beruf aufgegeben. Bei den Vätern waren es lediglich 0,7 Prozent.
Diese gewaltige Differenz lässt sich kaum biologisch erklären.
Sie zeigt vielmehr, wie traditionell die Rollenverteilung in vielen japanischen Familien weiterhin funktioniert. Der Vater bleibt im Beruf, während die Mutter Betreuung, Haushalt und das psychische Problem des Kindes auffängt.
Das Kind fällt aus der Schule.
Daraufhin fällt die Mutter aus dem Berufsleben.
Aus einem pädagogischen Problem wird damit ein familiäres, wirtschaftliches und gesellschaftliches Problem.
Die Folgen können jahrelang anhalten: Einkommensverluste, schlechtere Rentenansprüche, finanzielle Abhängigkeit und psychische Überforderung der betreuenden Eltern.
Sind Japans Kinder immer stärker gestört?
Die hohe Zahl sollte nicht kleingeredet werden. Hinter ihr stehen Hunderttausende Kinder und Familien, die erheblich belastet sind.
Dennoch wäre es falsch, daraus zu schließen, Japan habe plötzlich Hunderttausende schwer psychisch gestörte Kinder.
Ein Teil des Anstiegs kann auch damit zusammenhängen, dass Schulverweigerung heute besser erfasst und weniger moralisch verurteilt wird. Früher galten betroffene Schüler schneller als faul, schwierig oder undiszipliniert.
Heute wird stärker anerkannt, dass Schulabwesenheit Ausdruck psychischer, sozialer oder körperlicher Überforderung sein kann.
Das macht das Problem sichtbarer – aber nicht weniger real.
Nicht jedes Kind muss in dieselbe Form passen
Die steigenden Zahlen sind ein Warnsignal.
Sie zeigen, dass ein einheitliches Schulsystem nicht automatisch für jedes Kind geeignet ist. Je stärker eine Schule Disziplin, Gleichförmigkeit und Anpassung verlangt, desto größer ist die Gefahr, dass besonders empfindliche oder ungewöhnliche Kinder aussortiert werden.
Diese Kinder brauchen nicht grundsätzlich weniger Bildung.
Sie benötigen möglicherweise eine andere Form von Bildung:
kleinere Gruppen, flexiblere Tagesabläufe, digitales Lernen, geschützte Räume, individuelle Betreuung oder zeitweise Unterricht außerhalb der gewöhnlichen Klasse.
Ein Kind, das den normalen Unterricht nicht mehr erträgt, hat nicht automatisch das Lernen aufgegeben.
Vielleicht hat es lediglich ein System aufgegeben, das ihm keinen anderen Platz angeboten hat.
Die falsche Frage
Bei mehr als 350.000 betroffenen Grund- und Mittelschülern reicht es nicht mehr, ausschließlich nach Fehlern bei Kindern und Eltern zu suchen.
Natürlich gibt es psychische Erkrankungen, familiäre Konflikte und individuelle Schwierigkeiten.
Doch wenn ein Problem derart häufig auftritt, muss auch die Struktur untersucht werden, in der es entsteht.
Die falsche Frage lautet:
Was stimmt mit diesen Kindern nicht?
Die wichtigere Frage ist:
Was stimmt mit einem Schulsystem nicht, in dem jedes 26. Kind über längere Zeit nicht mehr erscheinen kann?

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