Eine neue internationale Analyse sorgt für alarmierende Schlagzeilen: Die weltweite Krankheitslast durch erhöhtes LDL-Cholesterin sei seit 1990 deutlich gestiegen. Im Jahr 2023 sollen rund 3,6 Millionen Todesfälle und mehr als 90 Millionen verlorene gesunde Lebensjahre mit erhöhtem LDL-Cholesterin in Verbindung gestanden haben.
Das klingt zunächst nach einer dramatischen Verschlechterung.
Doch die gleiche Studie zeigt gleichzeitig etwas, das in vielen Berichten beinahe untergeht: Das altersbereinigte Risiko, an den mit LDL verbundenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu sterben, ist seit 1990 deutlich gesunken.
Wie kann beides gleichzeitig stimmen?
Die Antwort zeigt, wie schnell eine statistisch richtige Aussage zu einem falschen Eindruck führen kann.
3,6 Millionen Todesfälle durch LDL?
Die im Fachmagazin JAMA veröffentlichte Untersuchung ist Teil der großen Global-Burden-of-Disease-Studie 2023. Die Forschenden schätzen, dass erhöhtes LDL-Cholesterin im Jahr 2023 weltweit mit folgenden Belastungen verbunden war:
- rund 3,6 Millionen Todesfälle,
- etwa 90,7 Millionen verlorene gesunde Lebensjahre,
- ungefähr sechs Prozent aller weltweiten Todesfälle.
Verglichen mit 1990 sei die absolute LDL-bedingte Krankheitslast um 38,5 Prozent gestiegen. Besonders stark habe sich die Belastung in Länder mit mittlerem Einkommen verlagert. Etwa ein Drittel der weltweiten LDL-assoziierten Krankheitslast entfiel auf China und Indien.
Wer nur diese Zahlen liest, könnte zu dem Schluss kommen, dass Cholesterin heute ein wesentlich größeres Gesundheitsproblem darstellt als vor 30 Jahren.
Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
Das individuelle Risiko ist deutlich gesunken
Während die absolute Zahl der zugerechneten Todesfälle gestiegen ist, sank die altersstandardisierte LDL-bedingte Sterberate seit 1990 um 45,6 Prozent.
Auch die altersbereinigte Rate der verlorenen gesunden Lebensjahre ging um 39,5 Prozent zurück.
Das bedeutet vereinfacht:
Ein Mensch eines bestimmten Alters hat heute im Durchschnitt ein deutlich geringeres Risiko, an einem LDL-assoziierten Herzinfarkt oder Schlaganfall zu sterben als ein vergleichbarer Mensch im Jahr 1990.
Gestiegen ist nicht in erster Linie das individuelle Risiko, sondern die Zahl der Menschen, die dieses Risiko überhaupt erreichen.
Die Weltbevölkerung ist seit 1990 stark gewachsen. Gleichzeitig leben immer mehr Menschen bis in ein Alter, in dem Herzinfarkte, Schlaganfälle und Gefäßerkrankungen häufiger auftreten.
Wenn mehr Menschen älter werden, kann die absolute Zahl der Erkrankungen steigen, obwohl die medizinische Versorgung besser wird und das Risiko innerhalb jeder Altersgruppe sinkt.
Ein einfaches Beispiel
Nehmen wir an, in einem Land leben im Jahr 1990 eine Million ältere Menschen. Von ihnen sterben jährlich 1.000 an einer bestimmten Erkrankung.
Drei Jahrzehnte später leben dort drei Millionen ältere Menschen. Durch bessere Prävention und Behandlung ist das persönliche Sterberisiko inzwischen halbiert.
Nun sterben nicht mehr 1.000 von einer Million, sondern beispielsweise 1.500 von drei Millionen Menschen.
Die absolute Zahl der Todesfälle ist gestiegen.
Das individuelle Risiko ist jedoch gesunken.
Beide Aussagen sind gleichzeitig richtig. Ohne diesen Zusammenhang klingt die höhere Todeszahl allerdings so, als habe sich die Krankheit insgesamt verschärft.
Genau dieses statistische Problem steckt hinter vielen Meldungen über eine steigende globale Krankheitslast.
Die Todesfälle wurden nicht direkt gezählt
Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Forschenden haben nicht 3,6 Millionen Totenscheine ausgewertet, auf denen „LDL-Cholesterin“ als Todesursache vermerkt war.
Die Zahl ist das Ergebnis eines mathematischen Modells.
Für die Analyse wurden Daten aus 806 Untersuchungen in 161 Ländern verwendet. Daraus berechneten die Forschenden die durchschnittlichen LDL-Werte in insgesamt 204 Ländern und Gebieten. Fehlende Daten wurden mithilfe statistischer Verfahren geschätzt. Die zugrunde gelegten Risikozusammenhänge stammen unter anderem aus Metaanalysen von 38 randomisierten klinischen Studien.
Anschließend wurde berechnet, wie viele Fälle von ischämischen Herzerkrankungen und ischämischen Schlaganfällen theoretisch vermeidbar gewesen wären, wenn die Bevölkerung LDL-Werte innerhalb eines festgelegten Referenzbereichs gehabt hätte.
Als theoretisch optimale LDL-Spanne verwendeten die Forschenden Werte zwischen 35 und 54 Milligramm pro Deziliter.
Die Aussage lautet daher nicht:
Bei 3,6 Millionen Menschen wurde eindeutig nachgewiesen, dass LDL ihren Tod verursacht hat.
Sie lautet vielmehr:
Statistische Modelle schätzen, dass ein bestimmter Anteil der Herzinfarkte und Schlaganfälle bei wesentlich niedrigeren LDL-Werten nicht aufgetreten wäre.
Das ist ein bedeutender Unterschied.
Wie genau sind solche Schätzungen?
Die Forschenden geben für die 3,6 Millionen zugerechneten Todesfälle eine Unsicherheitsspanne von etwa 2,2 bis 5,4 Millionen an. Bei den verlorenen gesunden Lebensjahren reicht die Schätzung von knapp 59 bis mehr als 123 Millionen.
Diese großen Spannbreiten zeigen, dass es sich nicht um exakt gemessene Zahlen handelt.
Das macht die Untersuchung keineswegs wertlos. Globale Modellierungsstudien sind notwendig, weil für viele Länder keine vollständigen Gesundheitsdaten existieren. Ohne solche Berechnungen ließe sich die weltweite Entwicklung kaum vergleichen.
Auch die Autoren eines begleitenden JAMA-Editorials bezeichnen die Ergebnisse als die derzeit besten globalen Schätzungen zur Krankheitslast durch erhöhtes LDL. Sie weisen jedoch ebenfalls darauf hin, dass die Daten und Modelle in Zukunft weiter verbessert werden müssen.
Die Zahlen sollten deshalb als fundierte Größenordnungen verstanden werden – nicht als exakte Zählung einzelner Todesfälle.
Ist LDL damit als Ursache bewiesen?
Die Studie liefert keine neue Antwort auf die grundsätzliche Frage, ob LDL an der Entstehung von Arteriosklerose beteiligt ist.
Sie setzt die bisherigen Risikomodelle voraus und berechnet auf dieser Grundlage die globale Krankheitslast. Das Modell bewertet nicht erneut, ob LDL tatsächlich ursächlich ist, sondern verwendet bereits bekannte Zusammenhänge aus klinischen Untersuchungen.
Dass LDL beziehungsweise die Zahl der ApoB-haltigen Lipoproteine eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Arteriosklerose spielt, wird durch unterschiedliche Forschungsansätze gestützt.
Das bedeutet aber nicht, dass LDL allein das gesamte persönliche Herz-Kreislauf-Risiko bestimmt.
Zwei Menschen mit demselben LDL-Wert können ein sehr unterschiedliches Risiko haben.
Entscheidend sind unter anderem:
- Blutdruck,
- Rauchen,
- Diabetes und Insulinresistenz,
- Alter und Geschlecht,
- familiäre Belastung,
- Lipoprotein(a),
- ApoB-Partikelzahl,
- Triglyceride,
- Nierenfunktion,
- Körpergewicht,
- Bewegung,
- Entzündungsprozesse und
- bereits vorhandene Gefäßveränderungen.
Ein Laborwert ist deshalb niemals die vollständige Diagnose.
LDL-Cholesterin oder ApoB?
Der klassische LDL-C-Wert misst, wie viel Cholesterin sich ungefähr in den LDL-Partikeln befindet. Er misst jedoch nicht direkt, wie viele dieser Partikel im Blut unterwegs sind.
Für die Entstehung von Arteriosklerose kann die Zahl der ApoB-haltigen Partikel besonders relevant sein. Jedes dieser atherogenen Partikel trägt normalerweise ein ApoB-Molekül. Der ApoB-Wert kann deshalb näherungsweise anzeigen, wie viele potenziell gefäßschädigende Partikel vorhanden sind.
Bei manchen Menschen stimmen LDL-C und ApoB gut überein. Bei anderen kann ein scheinbar akzeptabler LDL-Wert mit einer hohen Partikelzahl einhergehen – beispielsweise bei erhöhten Triglyceriden, Übergewicht, Diabetes oder Insulinresistenz.
Umgekehrt kann ein hoher LDL-C-Wert teilweise durch besonders cholesterinreiche, aber zahlenmäßig weniger Partikel entstehen.
Das macht einen hohen LDL-Wert nicht automatisch harmlos. Es zeigt jedoch, warum eine differenzierte Risikobewertung sinnvoller ist als die Betrachtung eines einzelnen Cholesterinwertes.
Was die Studie tatsächlich zeigt
Die zentrale Aussage der Untersuchung ist nicht, dass LDL weltweit plötzlich gefährlicher geworden wäre.
Sie zeigt vielmehr drei parallele Entwicklungen:
Erstens ist die Weltbevölkerung gewachsen.
Zweitens erreichen mehr Menschen ein höheres Lebensalter.
Drittens ist das altersbereinigte Risiko für LDL-assoziierte Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich gesunken.
Trotz dieses medizinischen Fortschritts steigt die absolute Zahl der Erkrankungen, weil heute wesentlich mehr ältere Menschen auf der Welt leben.
Gleichzeitig verlagert sich die Belastung zunehmend in Länder mit mittlerem Einkommen. Dort treffen veränderte Ernährungs- und Lebensgewohnheiten häufig auf unzureichende Vorsorge, begrenzte Diagnostik und einen schlechteren Zugang zu Medikamenten und medizinischer Behandlung. Die Forschenden sehen deshalb vor allem bei Prävention, Messung und Versorgung großen Handlungsbedarf.
Was bedeutet das für den Einzelnen?
Die Studie ist kein Grund für Panik, aber auch kein Grund, erhöhte LDL-Werte grundsätzlich zu ignorieren.
Sinnvoll ist eine persönliche Risikobewertung, die mehr umfasst als den Gesamtcholesterinwert.
Je nach Ausgangslage können folgende Werte und Untersuchungen hilfreich sein:
- LDL-Cholesterin,
- HDL-Cholesterin,
- Triglyceride,
- Non-HDL-Cholesterin,
- ApoB,
- Lipoprotein(a),
- Nüchternblutzucker und HbA1c,
- Blutdruck,
- Nierenwerte,
- familiäre Vorgeschichte und
- bei begründeter Fragestellung eine Untersuchung auf bereits bestehende Gefäßverkalkungen.
Insbesondere Lipoprotein(a) sollte mindestens einmal im Leben bestimmt werden, weil der Wert überwiegend genetisch festgelegt ist und durch Ernährung oder Bewegung kaum verändert werden kann.
Ob eine medikamentöse LDL-Senkung sinnvoll ist, hängt nicht nur von einem einzelnen Grenzwert ab. Entscheidend ist das gesamte absolute Risiko: Ein bereits erkrankter Herzpatient benötigt eine andere Bewertung als ein jüngerer, metabolisch gesunder Mensch ohne weitere Risikofaktoren.
Die richtige Lehre aus der Studie
Die neue Untersuchung bestätigt, dass atherogene Lipoproteine weltweit eine bedeutende Rolle bei Herzinfarkten und Schlaganfällen spielen.
Sie zeigt aber zugleich, wie vorsichtig große Gesundheitszahlen interpretiert werden müssen.
Eine steigende absolute Krankheitslast bedeutet nicht automatisch, dass das individuelle Risiko zugenommen hat. In diesem Fall ist sogar das Gegenteil geschehen: Das altersbereinigte Risiko ist erheblich gesunken.
Die präzisere Schlagzeile müsste deshalb lauten:
Mehr LDL-assoziierte Todesfälle durch Bevölkerungswachstum und Alterung – obwohl das altersbereinigte Sterberisiko seit 1990 deutlich gefallen ist.
Das klingt weniger spektakulär.
Aber es beschreibt die Ergebnisse wesentlich ehrlicher.
Fazit
LDL-Cholesterin ist ein relevanter Risikofaktor für Arteriosklerose, Herzinfarkt und ischämischen Schlaganfall. Die neue Global-Burden-of-Disease-Analyse verdeutlicht die enorme weltweite Bedeutung dieses Risikofaktors.
Doch sie beweist nicht, dass Menschen heute individuell stärker durch LDL gefährdet sind als 1990.
Im Gegenteil: Altersbereinigt sind Sterblichkeit und Krankheitslast deutlich gesunken. Die absolute Zahl steigt vor allem, weil die Weltbevölkerung größer und älter geworden ist.
Die wichtigste Lehre lautet daher nicht, LDL zu verharmlosen.
Sie lautet, Gesundheitsstatistiken vollständig zu lesen – und einen einzelnen Laborwert niemals mit dem gesamten persönlichen Risiko zu verwechseln.

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