Vielleicht liegt es nicht am Alter.
Vielleicht liegt es auch nicht daran, dass Männer heute weicher, bequemer oder weniger männlich geworden sind – was auch immer das überhaupt bedeuten soll.
Vielleicht zeigt sich in einem unscheinbaren Laborwert einfach die Rechnung für ein Leben, das immer weniger zu unserem Körper passt.
Forscher haben Daten aus sechs Langzeitstudien mit insgesamt mehr als 118.000 Männern ausgewertet. Das Ergebnis klingt zunächst fast zu dramatisch, um wahr zu sein: Zwischen 1972 und 2019 soll der durchschnittliche Testosteronspiegel um rund 54 Prozent gesunken sein.
Mehr als die Hälfte innerhalb von knapp fünf Jahrzehnten.
Das ist nicht nur ein Unterschied zwischen jungen und alten Männern. Die Forscher versuchten, Alterseffekte statistisch zu berücksichtigen. Der Verdacht lautet daher: Ein Mann hat heute möglicherweise bei gleichem Alter deutlich weniger Testosteron als ein Mann vor 40 oder 50 Jahren.
Die Untersuchung wurde im Juli 2026 auf der Jahrestagung der European Society of Human Reproduction and Embryology vorgestellt. Sie umfasst Männer aus mehreren Ländern und beschreibt einen Rückgang von mehr als einem Prozent pro Jahr. Allerdings ist die Arbeit zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch nicht vollständig als begutachtete Fachpublikation erschienen. Die Zahl von 54 Prozent ist deshalb ein ernst zu nehmendes Warnsignal – aber noch kein endgültiges Urteil.
Trotzdem stellt sich eine unangenehme Frage:
Was ist mit den Männern passiert?
Testosteron ist kein Macho-Hormon
Wer Testosteron hört, denkt häufig zuerst an Bodybuilder, Aggressivität, Bartwuchs und Sexualtrieb.
Das ist ungefähr so, als würde man Insulin als „Zuckerhormon“ bezeichnen und damit glauben, alles Wesentliche erklärt zu haben.
Testosteron ist an einer ganzen Reihe körperlicher Prozesse beteiligt. Es beeinflusst unter anderem:
- Muskelmasse und Muskelkraft
- Knochendichte
- Blutbildung
- Fettverteilung
- Energie und Belastbarkeit
- Sexualtrieb
- Spermienproduktion
- Stimmung und Motivation
Ein niedriger Testosteronspiegel macht einen Mann nicht automatisch krank. Und ein hoher Wert macht ihn nicht automatisch gesund.
Aber wenn die Werte einer ganzen Bevölkerung über Jahrzehnte sinken, ist das mehr als ein individuelles Problem. Dann geht es nicht mehr nur um einzelne Männer, die sich müde fühlen oder weniger Lust auf Sex haben.
Dann geht es um die Frage, ob sich unsere Lebensweise sichtbar in unserer Biologie niederschlägt.
Vielleicht werden Männer nicht einfach älter – sondern früher stoffwechselkrank
Die naheliegendste Erklärung für sinkende Testosteronwerte lautet: Männer werden älter.
Doch so einfach ist es offenbar nicht.
Schon frühere Untersuchungen deuteten darauf hin, dass Testosteronwerte bei Männern über die Jahrzehnte auch unabhängig vom Lebensalter zurückgegangen sein könnten. Ein aktueller wissenschaftlicher Übersichtsartikel beschreibt steigende Raten von Übergewicht, Stoffwechselstörungen, Bewegungsmangel, Schlafproblemen und Umweltbelastungen als mögliche Treiber dieser Entwicklung.
Besonders deutlich ist der Zusammenhang mit Übergewicht.
Fettgewebe ist kein passives Lager, in dem überschüssige Energie einfach auf bessere Zeiten wartet. Es ist hormonell aktiv.
Vor allem bei starkem Übergewicht können mehrere Mechanismen gleichzeitig wirken:
Der Spiegel des Transportproteins SHBG kann sinken. Dadurch fällt zunächst häufig das gemessene Gesamttestosteron ab.
Entzündungsprozesse und Insulinresistenz können die hormonelle Steuerung zwischen Gehirn und Hoden beeinträchtigen.
Im Fettgewebe ist außerdem das Enzym Aromatase aktiv. Es wandelt Androgene teilweise in Östrogene um.
Je mehr Fettgewebe ein Mann ansammelt, desto ungünstiger kann sich seine hormonelle Situation entwickeln. Gleichzeitig erschwert ein niedriger Testosteronspiegel möglicherweise den Erhalt von Muskelmasse und begünstigt eine weitere Zunahme des Körperfettes.
So entsteht ein Kreislauf:
Mehr Bauchfett, weniger Testosteron, weniger Muskelmasse, geringerer Energieverbrauch – und noch mehr Bauchfett.
Bei Männern mit Adipositas und Typ-2-Diabetes werden besonders häufig niedrige Testosteronwerte festgestellt. In älteren Untersuchungen hatten rund 40 Prozent der stark übergewichtigen Männer und etwa die Hälfte der übergewichtigen Männer mit Diabetes erniedrigte freie Testosteronwerte.
Das bedeutet nicht, dass jeder übergewichtige Mann einen echten Hormonmangel hat.
Es bedeutet aber: Der Bauch ist nicht nur ein optisches Problem. Er ist möglicherweise ein hormonelles Organ, das den gesamten Stoffwechsel verändert.
Der moderne Mann bewegt sich – allerdings meistens nur noch mit dem Daumen
Der menschliche Körper wurde nicht für acht Stunden Sitzen, zwei Stunden Autofahren und drei Stunden Bildschirm am Abend konstruiert.
Muskeln sind nicht einfach nur Gewebe, das gut aussieht, wenn man ein T-Shirt trägt. Muskeln sind ein zentraler Bestandteil unseres Stoffwechsels.
Sie nehmen Glukose auf, verbessern die Insulinsensitivität, stabilisieren Gelenke, schützen vor Gebrechlichkeit und senden über Botenstoffe Signale an andere Organe.
Wer seine Muskulatur kaum noch fordert, verliert daher nicht nur Kraft.
Er verliert einen Teil seiner metabolischen Schutzfunktion.
Hinzu kommt, dass viele Männer heute zwar ständig beschäftigt, körperlich aber kaum noch belastet sind. Sie stehen unter Druck, ohne sich zu bewegen. Sie sind erschöpft, ohne körperlich gearbeitet zu haben. Sie schlafen schlecht, obwohl sie den ganzen Tag gesessen haben.
Das ist eine eigenartige Form von Erschöpfung:
Der Kopf ist überlastet, der Körper unterfordert.
Und genau diese Kombination könnte für das Hormonsystem besonders ungünstig sein.
Schlafmangel: Der unterschätzte Angriff auf die Hormone
Testosteron wird nicht gleichmäßig über den Tag produziert. Die höchsten Werte werden normalerweise am Morgen gemessen. Ein wesentlicher Teil der hormonellen Regulation hängt mit einem funktionierenden Schlafrhythmus zusammen.
Wer dauerhaft zu wenig oder schlecht schläft, bringt diesen Rhythmus durcheinander.
Besonders problematisch ist Schlafapnoe. Dabei kommt es nachts immer wieder zu Atemaussetzern und Sauerstoffmangel. Viele Betroffene wissen nichts davon. Sie schnarchen, schlafen scheinbar ausreichend lange und sind morgens trotzdem erschöpft.
Übergewicht, Schlafapnoe, Insulinresistenz und niedriges Testosteron treten häufig gemeinsam auf. Was dabei Ursache und was Folge ist, lässt sich im Einzelfall nicht immer sauber trennen.
Wahrscheinlich verstärken sich die Faktoren gegenseitig.
Auch die Umwelt steht unter Verdacht
Schnell landet man bei diesem Thema bei Mikroplastik, Pestiziden, Weichmachern, Luftverschmutzung und sogenannten endokrinen Disruptoren.
Das sind Stoffe, die in hormonelle Signalwege eingreifen können.
Dass bestimmte Chemikalien unter Laborbedingungen oder bei hohen Belastungen hormonelle Effekte haben, ist unstrittig. Deutlich schwieriger ist die Frage, welchen Anteil die alltägliche Umweltbelastung am durchschnittlichen Testosteronrückgang einer ganzen Bevölkerung hat.
Hier muss man ehrlich bleiben:
Es gibt plausible Mechanismen und besorgniserregende Hinweise. Aber es gibt noch keinen Beweis dafür, dass eine bestimmte Chemikalie oder Stoffgruppe den behaupteten Rückgang um 54 Prozent verursacht hat.
Auch Experten, die die neuen Daten grundsätzlich ernst nehmen, warnen vor vorschnellen Erklärungen. Ein erheblicher Teil des Rückgangs könnte möglicherweise bereits durch Übergewicht, Diabetes und eine schlechtere Stoffwechselgesundheit erklärt werden.
Die Wahrheit ist vermutlich weniger spektakulär als eine einzelne große Ursache.
Es dürfte eine Mischung sein:
Wir bewegen uns weniger.
Wir schlafen schlechter.
Wir werden dicker.
Wir entwickeln früher Insulinresistenz.
Wir nehmen häufiger Medikamente.
Wir sind mehr künstlichem Licht, Dauerstress und Umweltchemikalien ausgesetzt.
Und wir tun all das nicht für ein paar Wochen, sondern über Jahre und Jahrzehnte.
Ist ein niedriger Testosteronwert die Ursache – oder nur die Warnleuchte?
Das ist die vielleicht wichtigste Frage.
Wenn ein übergewichtiger, schlecht schlafender und insulinresistenter Mann einen niedrigen Testosteronwert hat, könnte man sagen:
Er hat einen Hormonmangel und benötigt Testosteron.
Man könnte aber auch sagen:
Der niedrige Testosteronwert ist ein Signal dafür, dass sein Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Denn im zweiten Fall wäre Testosteron nicht das eigentliche Problem, sondern die Warnleuchte im Armaturenbrett.
Niemand käme auf die Idee, bei einem überhitzten Motor einfach die Warnleuchte herauszuschrauben.
Beim Menschen passiert genau das allerdings erstaunlich oft.
Ein Wert ist zu niedrig – also wird er ersetzt.
Damit kann man Symptome verbessern. Aber man hat damit noch nicht automatisch die Ursache beseitigt.
Abnehmen kann Testosteron wieder steigen lassen
Die gute Nachricht lautet: Zumindest ein Teil der Entwicklung scheint nicht unumkehrbar zu sein.
Studien zeigen, dass Gewichtsverlust und eine Verbesserung der Stoffwechselgesundheit bei übergewichtigen Männern mit einem Anstieg des Testosteronspiegels verbunden sein können.
Bei einer 2025 vorgestellten Untersuchung mit Männern, die Medikamente gegen Adipositas erhielten, stieg der Anteil der Teilnehmer mit normalen Testosteronwerten innerhalb von 18 Monaten von 53 auf 77 Prozent. Die Verbesserung hing mit dem Gewichtsverlust zusammen. Auch 2026 vorgestellte Daten deuten darauf hin, dass eine Behandlung von Adipositas bei Männern mit gewichtsbedingtem niedrigem Testosteron sowohl Hormonwerte als auch bestimmte Fruchtbarkeitsparameter verbessern kann.
Das bedeutet nicht, dass jeder Mann eine Abnehmspritze benötigt.
Es zeigt vielmehr etwas Grundsätzliches:
Das Hormonsystem reagiert auf den Zustand des Körpers.
Wer Fett verliert, Muskulatur aufbaut, besser schläft und seine Insulinsensitivität verbessert, verändert nicht nur sein Aussehen.
Er verändert die hormonelle Umgebung, in der sein Körper arbeitet.
Was Männer konkret tun können
Es gibt keine magische Nahrung, kein Pulver und keine Kapsel, die einen ungesunden Lebensstil hormonell neutralisiert.
Die wichtigsten Maßnahmen sind erstaunlich unspektakulär:
1. Bauchfett reduzieren
Nicht bis auf den letzten sichtbaren Bauchmuskel.
Aber ein deutlich erhöhter Taillenumfang ist ein Warnsignal für viszerales Fett, Insulinresistenz und metabolische Belastung.
2. Krafttraining betreiben
Zwei bis vier Einheiten pro Woche reichen für viele Männer aus.
Entscheidend ist, dass die Muskulatur regelmäßig gegen Widerstand arbeiten muss.
3. Ausreichend schlafen
Sieben bis acht Stunden sind kein Zeichen von Faulheit.
Sie sind biologische Wartungszeit.
Starkes Schnarchen, Atemaussetzer und morgendliche Erschöpfung sollten ärztlich abgeklärt werden.
4. Alkohol begrenzen
Alkohol stört Schlaf, Leberstoffwechsel, Körpergewicht und hormonelle Regulation. Aus dem täglichen Feierabendbier wird hormonell betrachtet schnell ein ziemlich teures Ritual.
5. Stoffwechselwerte kontrollieren
Nüchternblutzucker, HbA1c, Blutfette, Blutdruck und Taillenumfang sagen häufig mehr über die Ursache eines Problems aus als ein isolierter Testosteronwert.
6. Nicht blind Testosteron einnehmen
Eine Testosterontherapie kann bei einem nachgewiesenen Mangel sinnvoll sein. Sie ist aber keine harmlose Wellnessbehandlung.
Extern zugeführtes Testosteron kann die körpereigene Produktion und die Spermienbildung unterdrücken. Für Männer mit Kinderwunsch ist das besonders wichtig.
Fachgesellschaften empfehlen, einen Testosteronmangel nicht anhand einer einzigen Blutentnahme zu diagnostizieren. Erforderlich sind passende Beschwerden und mindestens zwei Messungen an unterschiedlichen Tagen, üblicherweise morgens.
Vielleicht ist Testosteron nur der Anfang
Parallel zu den Diskussionen über sinkende Testosteronwerte gibt es seit Jahren Berichte über einen Rückgang der durchschnittlichen Spermienzahl.
Auch diese Daten werden kontrovers diskutiert. Messmethoden, untersuchte Bevölkerungen und Lebensstilfaktoren haben sich verändert. Trotzdem ergibt sich ein Muster, das man nicht einfach mit einem Achselzucken abtun sollte.
Männliche Fruchtbarkeit und hormonelle Gesundheit könnten empfindlicher auf unsere Lebensbedingungen reagieren, als wir bisher wahrhaben wollten.
Vielleicht zeigt sich beim Mann früher als an anderen Stellen, dass eine Gesellschaft zwar technisch immer leistungsfähiger, biologisch aber nicht automatisch gesünder wird.
Wir haben Lebensmittel jederzeit verfügbar.
Wir müssen kaum noch körperlich arbeiten.
Wir können die Nacht zum Tag machen.
Wir behandeln Erschöpfung mit Koffein, Übergewicht mit Medikamenten, Schlaflosigkeit mit Tabletten und Hormonmangel mit Hormonen.
Das ist bequem.
Aber Bequemlichkeit und Gesundheit sind nicht dasselbe.
Die eigentliche Krise ist nicht fehlende Männlichkeit
Aus dem Thema wird schnell eine Kulturdebatte.
Dann heißt es, Männer seien heute verweichlicht, hätten ihren Kampfgeist verloren oder müssten nur wieder mehr Fleisch essen, kalt duschen und Holz hacken.
Das ist unterhaltsam – aber wissenschaftlich ziemlich dünn.
Die Testosteronkrise, sofern sie sich in weiteren Untersuchungen bestätigt, ist keine Krise der Männlichkeit.
Sie ist wahrscheinlich eine Krise der Stoffwechselgesundheit.
Sie betrifft nicht nur Sexualität und Muskeln, sondern möglicherweise Fruchtbarkeit, Knochen, Energie, psychisches Wohlbefinden und gesundes Altern.
Und sie lässt sich nicht durch ein paar markige Sprüche lösen.
Fazit
Noch wissen wir nicht sicher, ob der durchschnittliche Testosteronspiegel tatsächlich um exakt 54 Prozent gefallen ist.
Die neue Analyse wurde bislang auf einem Kongress vorgestellt und muss noch vollständig wissenschaftlich geprüft werden.
Doch selbst wenn sich die konkrete Zahl später relativiert, bleibt die grundsätzliche Botschaft bestehen:
Übergewicht, Diabetes, Bewegungsmangel, schlechter Schlaf und eine gestörte Stoffwechselgesundheit sind bei Männern weit verbreitet – und all diese Faktoren stehen mit niedrigeren Testosteronwerten in Verbindung.
Vielleicht verschwindet also nicht der Mann.
Vielleicht verschwindet lediglich die körperliche Umgebung, in der ein gesunder männlicher Hormonhaushalt entstehen kann.
Und möglicherweise liegt darin sogar die gute Nachricht.
Denn unsere Gene können wir kaum verändern.
Wie viel wir uns bewegen, wie wir essen, wie wir schlafen und wie viel Bauchfett wir mit uns herumtragen, sehr wohl.

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