Übergewicht ist nicht gleich Übergewicht. Besonders das Fett rund um die Bauchorgane gilt als metabolisch aktiv und kann chronische Entzündungsprozesse fördern. Eine neue Langzeitstudie zeigt nun: Kommt zu abdominaler Adipositas auch noch ein ausgeprägter Vitamin-D-Mangel hinzu, steigt das Sterberisiko erheblich. Doch was steckt wirklich dahinter?
Wenn über Übergewicht gesprochen wird, dreht sich fast alles um das Körpergewicht oder den BMI. Dabei sagt die Zahl auf der Waage erstaunlich wenig darüber aus, wie groß das gesundheitliche Risiko tatsächlich ist.
Entscheidender scheint zu sein, wo der Körper überschüssige Energie speichert.
Fett, das sich unter der Haut an Hüften oder Beinen befindet, verhält sich metabolisch anders als das sogenannte viszerale Fett im Bauchraum. Dieses umgibt Organe wie Leber und Darm und ist biologisch hochaktiv.
Und genau hier könnte Vitamin D eine bislang unterschätzte Rolle spielen.
Eine aktuelle Untersuchung mit mehr als 5.500 Menschen über 50 Jahren zeigt einen auffälligen Zusammenhang: Menschen mit starkem Bauchfett und gleichzeitigem Vitamin-D-Mangel hatten während der Beobachtungszeit ein mehr als doppelt so hohes Sterberisiko wie Menschen ohne abdominale Adipositas und mit ausreichender Vitamin-D-Versorgung.
Doch bedeutet das automatisch, dass Vitamin D vor den Folgen von Übergewicht schützt?
So einfach ist es nicht.
Bauchfett ist kein passiver Energiespeicher
Lange Zeit stellte man sich Körperfett vor allem als Speicher für überschüssige Kalorien vor.
Heute wissen wir, dass Fettgewebe ein hormonell und immunologisch aktives Organ ist.
Besonders viszerales Fett kann verschiedene Botenstoffe freisetzen, darunter sogenannte Zytokine und Adipokine. Einige davon fördern entzündliche Prozesse im Körper.
Dadurch kann sich eine dauerhaft erhöhte, unterschwellige Entzündungsaktivität entwickeln.
Diese wird häufig als chronische niedriggradige Entzündung oder „low-grade inflammation“ bezeichnet.
Anders als bei einer akuten Infektion bemerkt man diese Entzündung meist nicht unmittelbar. Es gibt kein Fieber und häufig auch keine Schmerzen.
Trotzdem kann sie über Jahre Stoffwechsel und Gefäßsystem beeinflussen.
Sie wird unter anderem mit folgenden Erkrankungen in Verbindung gebracht:
- Insulinresistenz
- Typ-2-Diabetes
- Bluthochdruck
- Fettleber
- Arteriosklerose
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Dafür hat sich inzwischen sogar ein eigener Begriff etabliert:
Metaflammation – eine durch Stoffwechselstörungen ausgelöste chronische Entzündungsreaktion.
Und hier kommt Vitamin D ins Spiel
Vitamin D wird häufig ausschließlich mit Knochen und Calciumstoffwechsel verbunden.
Das ist jedoch nur ein Teil seiner biologischen Funktion.
Vitamin-D-Rezeptoren befinden sich in zahlreichen Geweben des Körpers – unter anderem in verschiedenen Zellen des Immunsystems.
Vitamin D kann dadurch verschiedene immunologische und entzündliche Signalwege beeinflussen.
Das bedeutet nicht, dass Vitamin D ein einfaches „Entzündungsmedikament“ ist.
Aber ein ausgeprägter Vitamin-D-Mangel könnte dazu beitragen, dass die Regulation des Immunsystems weniger günstig funktioniert.
Und genau diese Kombination scheint besonders interessant zu sein:
Viszerales Fett fördert Entzündungen – gleichzeitig fehlt möglicherweise ein wichtiger regulatorischer Faktor.
Mehr als 5.500 Menschen untersucht
Die aktuelle Untersuchung basiert auf Daten der englischen Langzeitstudie ELSA – der „English Longitudinal Study of Ageing“.
Einbezogen wurden 5.520 Menschen im Alter von mindestens 50 Jahren.
Die Forscher betrachteten zwei Faktoren:
den Taillenumfang und den Vitamin-D-Spiegel im Blut.
Als abdominale Adipositas galt ein Taillenumfang von mehr als 102 Zentimetern bei Männern beziehungsweise mehr als 88 Zentimetern bei Frauen.
Beim Vitamin D wurde die Konzentration von 25-Hydroxy-Vitamin-D im Blut untersucht.
Als ausreichende Versorgung galt ein Wert von mindestens 50 nmol/l – das entspricht etwa 20 ng/ml.
Ein ausgeprägter Mangel lag bei weniger als 12 ng/ml vor.
Anschließend beobachteten die Wissenschaftler die Teilnehmer über mehrere Jahre.
Das Ergebnis ist bemerkenswert
Als Vergleichsgruppe dienten Menschen ohne abdominale Adipositas und mit ausreichendem Vitamin-D-Spiegel.
Bei Menschen mit Bauchfett, aber ausreichendem Vitamin D, war das Sterberisiko erhöht.
Besonders auffällig wurde der Unterschied jedoch bei der Kombination aus Bauchfett und Vitamin-D-Mangel.
Hier lag das Sterberisiko mehr als doppelt so hoch wie in der Referenzgruppe.
Die Forscher errechneten eine sogenannte Hazard Ratio von ungefähr 2,23.
Vereinfacht ausgedrückt entspricht dies einer Erhöhung des relativen Sterberisikos um rund 123 Prozent.
Das ist ein großer Unterschied.
Vitamin-D-Mangel fiel auch ohne Bauchfett auf
Noch interessanter wird die Untersuchung, wenn man nicht nur die Gruppe mit Adipositas betrachtet.
Auch Menschen ohne abdominale Adipositas hatten bei niedrigen Vitamin-D-Werten ein deutlich erhöhtes Sterberisiko.
Damit stellt sich eine spannende Frage:
Ist Vitamin-D-Mangel möglicherweise ein eigenständiger Risikofaktor – oder ist er vor allem ein Marker für einen insgesamt schlechteren Gesundheitszustand?
Genau diese Frage lässt sich mit der Studie nicht abschließend beantworten.
Zusammenhang bedeutet noch nicht Ursache
Hier liegt die wichtigste Einschränkung der Untersuchung.
Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie.
Die Forscher haben also nicht einer Gruppe Vitamin D gegeben und anschließend untersucht, ob dadurch weniger Menschen erkrankten oder starben.
Sie beobachteten lediglich, welche Menschen niedrige Vitamin-D-Werte hatten und wie sich deren Gesundheit anschließend entwickelte.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Denn niedrige Vitamin-D-Werte können auch Ausdruck anderer Faktoren sein.
Menschen, die krank oder körperlich wenig aktiv sind, verbringen beispielsweise häufig weniger Zeit im Freien.
Weniger Sonnenlicht bedeutet wiederum eine geringere körpereigene Vitamin-D-Produktion.
Damit könnte folgende Situation entstehen:
Krankheit → weniger Bewegung → weniger Sonne → niedriger Vitamin-D-Spiegel.
Dann wäre der Vitamin-D-Mangel teilweise eine Folge des schlechten Gesundheitszustandes – und nicht allein dessen Ursache.
Forscher versuchen solche Effekte statistisch zu berücksichtigen.
Vollständig ausschließen lassen sie sich jedoch nie.
Warum Menschen mit Übergewicht häufiger niedrige Vitamin-D-Werte haben
Ein weiterer interessanter Punkt ist schon länger bekannt:
Menschen mit Adipositas weisen überdurchschnittlich häufig niedrige Vitamin-D-Spiegel auf.
Dafür gibt es verschiedene mögliche Erklärungen.
Eine davon ist die sogenannte volumetrische Verdünnung.
Vitamin D verteilt sich im Körper auf verschiedene Gewebe. Bei größerer Körpermasse kann sich dieselbe Menge Vitamin D auf ein größeres Körpervolumen verteilen.
Dadurch können niedrigere Konzentrationen im Blut entstehen.
Hinzu kommen möglicherweise Unterschiede bei:
- körperlicher Aktivität
- Sonnenexposition
- Ernährung
- Leberstoffwechsel
- Speicherung von Vitamin D im Fettgewebe
Es wäre deshalb zu einfach zu behaupten, Fettgewebe würde Vitamin D einfach „wegfangen“.
Der Zusammenhang ist komplexer.
Besonders spannend: Der Grenzwert lag nur bei 20 ng/ml
Ein Punkt der Studie verdient besondere Aufmerksamkeit.
Als ausreichende Vitamin-D-Versorgung galten bereits Werte oberhalb von 20 ng/ml.
Damit wurden Menschen mit beispielsweise
22 ng/ml,
30 ng/ml,
45 ng/ml
oder 60 ng/ml
alle derselben Gruppe zugeordnet.
Die Untersuchung kann deshalb eine wichtige Frage überhaupt nicht beantworten:
Gibt es oberhalb von 20 ng/ml weitere Unterschiede beim Gesundheitsrisiko?
Genau das wäre wissenschaftlich besonders interessant.
Eine zukünftige Analyse könnte beispielsweise folgende Bereiche getrennt untersuchen:
unter 12 ng/ml
12 bis 20 ng/ml
20 bis 30 ng/ml
30 bis 40 ng/ml
40 bis 50 ng/ml
über 50 ng/ml.
Erst dann ließe sich erkennen, ob möglicherweise eine Dosis-Wirkungs-Beziehung existiert – oder ob der gesundheitliche Effekt vor allem darin besteht, einen ausgeprägten Mangel zu vermeiden.
Mehr Vitamin D ist nicht automatisch besser
Aus dieser Studie lässt sich deshalb ausdrücklich nicht ableiten:
Je höher der Vitamin-D-Spiegel, desto gesünder.
Und schon gar nicht:
Sehr hohe Vitamin-D-Dosen verhindern die Folgen von Übergewicht.
Die Untersuchung zeigt lediglich, dass besonders niedrige Vitamin-D-Werte mit einem deutlich höheren Risiko verbunden waren.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Vitamin D gehört außerdem zu den fettlöslichen Vitaminen und kann bei dauerhaft sehr hoher Zufuhr überdosiert werden.
Wer größere Mengen supplementiert, sollte deshalb den 25-OH-D-Wert im Blut kennen und gegebenenfalls auch Calciumstoffwechsel und Nierenfunktion berücksichtigen.
Vielleicht schauen wir beim Übergewicht auf die falsche Zahl
Die Studie macht noch auf etwas anderes aufmerksam.
Wir beurteilen Übergewicht häufig fast ausschließlich anhand des BMI.
Dabei könnte der Taillenumfang für das metabolische Risiko wesentlich interessanter sein.
Zwei Menschen können denselben BMI haben und trotzdem völlig unterschiedliche Mengen viszeralen Fetts besitzen.
Der eine lagert Fett überwiegend unter der Haut ein.
Der andere vor allem im Bauchraum und in der Leber.
Metabolisch sind das zwei vollkommen unterschiedliche Situationen.
Deshalb könnte die Kombination mehrerer Marker wesentlich aussagekräftiger sein:
Taillenumfang
Blutzucker und Insulinsensitivität
Blutdruck
Triglyceride und HDL
Leberwerte
Entzündungsmarker
und möglicherweise auch
Vitamin-D-Status.
Vitamin D könnte Teil eines größeren Stoffwechselbildes sein
Vielleicht ist deshalb die wichtigste Erkenntnis der neuen Untersuchung gar nicht, dass jeder Mensch möglichst viel Vitamin D einnehmen sollte.
Die spannendere Botschaft lautet:
Gesundheit entsteht selten durch einen einzigen Laborwert.
Menschen mit ausgeprägtem Bauchfett haben häufig gleichzeitig mehrere Stoffwechselprobleme.
Insulinresistenz.
Fettleber.
Erhöhte Triglyceride.
Chronische Entzündungsaktivität.
Wenig Bewegung.
Und eben häufig auch niedrige Vitamin-D-Werte.
Diese Faktoren können sich gegenseitig verstärken.
Das macht die Kombination möglicherweise gefährlicher als jeden einzelnen Faktor für sich.
Was man aus der Studie praktisch mitnehmen kann
Die Untersuchung liefert keinen Beweis dafür, dass Vitamin-D-Supplementierung das Sterberisiko bei Adipositas halbiert.
Das wäre eine falsche Schlussfolgerung.
Sie liefert aber einen guten Grund, einen ausgeprägten Vitamin-D-Mangel nicht einfach zu ignorieren.
Besonders bei Menschen mit abdominaler Adipositas könnte es sinnvoll sein, den Vitamin-D-Status überhaupt einmal zu bestimmen.
Gleichzeitig darf man den entscheidenden Punkt nicht vergessen:
Vitamin D kann viszerales Fett nicht verschwinden lassen.
Der vermutlich stärkste Hebel bleibt die Verbesserung des Stoffwechsels selbst.
Weniger viszerales Fett.
Mehr Bewegung.
Bessere Insulinsensitivität.
Ausreichend Schlaf.
Eine möglichst unverarbeitete Ernährung.
Und die Korrektur tatsächlicher Nährstoffmängel.
Fazit
Die neue Studie zeigt einen beeindruckenden Zusammenhang:
Menschen mit abdominaler Adipositas und ausgeprägtem Vitamin-D-Mangel hatten ein deutlich höheres Sterberisiko als Menschen ohne Bauchfett und mit ausreichender Vitamin-D-Versorgung.
Das bedeutet noch nicht, dass Vitamin D dieses Risiko verursacht – oder dass hohe Dosen Vitamin D es beseitigen können.
Aber die Ergebnisse passen zu einem größeren Bild.
Viszerales Fett ist biologisch aktives Gewebe und kann chronische Entzündungsprozesse fördern. Vitamin D wiederum beeinflusst zahlreiche Funktionen des Immunsystems.
Treffen Stoffwechselstörung, chronische Entzündung und Nährstoffmangel zusammen, könnte daraus eine besonders ungünstige Konstellation entstehen.
Vielleicht sollten wir deshalb bei Übergewicht weniger auf die Zahl auf der Waage schauen.
Und mehr darauf, was im Stoffwechsel tatsächlich passiert.

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