Was Oleuropein mit Blutdruck, Blutzucker, Entzündungen – und vielleicht sogar unserer Schilddrüse – zu tun hat

Olivenöl gilt heute beinahe selbstverständlich als gesund.

Es gehört zur mediterranen Ernährung, liefert einfach ungesättigte Fettsäuren und enthält eine ganze Reihe interessanter Pflanzenstoffe. Kaum jemand wundert sich noch darüber, wenn Olivenöl mit Herz-Kreislauf-Gesundheit und gesundem Altern in Verbindung gebracht wird.

Doch möglicherweise haben wir uns die ganze Zeit auf den falschen Teil des Olivenbaums konzentriert.

Denn besonders hohe Konzentrationen einiger Pflanzenstoffe befinden sich nicht in der Olive, sondern in den Blättern des Olivenbaums.

Einer dieser Stoffe heißt Oleuropein.

Und wenn man sich die Forschung dazu genauer anschaut, wird es überraschend interessant.

Denn Olivenblattextrakt könnte offenbar gleichzeitig mehrere Faktoren beeinflussen, die für unseren Stoffwechsel und unsere langfristige Gesundheit eine Rolle spielen:

  • Blutdruck
  • Blutzucker und Insulinstoffwechsel
  • Blutfette
  • oxidativer Stress
  • Entzündungsprozesse

Und dann gibt es noch eine ausgesprochen spannende Frage:

Könnte Olivenblattextrakt sogar unsere Schilddrüsenhormone beeinflussen?

Genau hier müssen wir allerdings sehr genau zwischen dem unterscheiden, was bereits beim Menschen gezeigt wurde – und dem, was bisher nur im Labor oder bei Tieren funktioniert.


Was steckt eigentlich im Olivenblatt?

Olivenblätter enthalten zahlreiche sogenannte Polyphenole.

Besonders interessant sind:

Oleuropein, Hydroxytyrosol, Tyrosol und verschiedene Flavonoide.

Oleuropein gehört zu den charakteristischen Bitterstoffen des Olivenbaums und wird besonders intensiv erforscht.

Pflanzen produzieren solche Substanzen natürlich nicht, damit wir Menschen länger leben.

Sie erfüllen zunächst Funktionen innerhalb der Pflanze und helfen ihr beispielsweise beim Umgang mit Umweltstress.

Interessant wird es erst dadurch, dass einige dieser Moleküle auch mit unserer menschlichen Biochemie interagieren können.

Und genau dafür gibt es inzwischen erstaunliche Hinweise.


1. Olivenblattextrakt und Blutdruck

Hier wird die Datenlage inzwischen wirklich interessant.

Während viele Nahrungsergänzungsmittel aufgrund einiger Laborversuche als „herzgesund“ vermarktet werden, gibt es zu Olivenblattextrakt tatsächlich kontrollierte Untersuchungen am Menschen.

Eine größere randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Studie untersuchte 621 Menschen mit Bluthochdruck.

Nach zwölf Wochen hatte sich unter Olivenblattextrakt der über 24 Stunden gemessene systolische Blutdruck deutlich verbessert.

Zusätzlich fanden die Forscher Veränderungen bei weiteren Stoffwechselparametern wie Blutfetten, Triglyceriden und Entzündungsmarkern.

Das bedeutet natürlich nicht, dass Olivenblattextrakt plötzlich Blutdruckmedikamente ersetzt.

Aber es bedeutet:

Der mögliche blutdrucksenkende Effekt ist längst mehr als eine Theorie aus dem Reagenzglas.

Auch eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse aus dem Jahr 2025 kommt zu dem Ergebnis, dass Olivenprodukte beziehungsweise Olivenblattextrakt bei Menschen mit erhöhtem Blutdruck einen messbaren Effekt haben können.

Das macht Olivenblatt insbesondere für die Prävention metabolischer Erkrankungen interessant.


2. Was passiert mit dem Blutzucker?

Hier wird die Geschichte komplizierter.

Frühere Untersuchungen hatten Hinweise geliefert, dass Olivenblattextrakt die Insulinsensitivität verbessern und den Glukosestoffwechsel positiv beeinflussen könnte.

Das wäre durchaus plausibel.

Denn chronisch erhöhte Insulinspiegel und Insulinresistenz stehen nicht isoliert da.

Sie hängen häufig zusammen mit:

Übergewicht, erhöhtem Blutdruck, Fettleber, ungünstigen Blutfetten und chronischen Entzündungsprozessen.

Genau deshalb wäre eine Substanz interessant, die an mehreren dieser Stellen gleichzeitig ansetzt.

Aber Wissenschaft wird nicht dadurch besser, dass wir nur die Studien herausgreifen, die uns gefallen.

Eine 2025 veröffentlichte randomisierte placebokontrollierte Pilotstudie bei Menschen mit Typ-2-Diabetes fand nach 24 Wochen keinen statistisch signifikanten Vorteil beim HbA1c.

Auch die Verbesserung der Insulinsensitivität war gegenüber Placebo nicht statistisch eindeutig.

Das Ergebnis war also nicht:

„Olivenblatt funktioniert nicht.“

Sondern:

Wir wissen noch nicht sicher, wie groß der Effekt auf den Glukosestoffwechsel beim Menschen tatsächlich ist.

Und genau diese Unterscheidung ist wichtig.


3. Vielleicht geht es gar nicht um einen einzelnen Effekt

Hier beginnt Olivenblattextrakt aus meiner Sicht besonders interessant zu werden.

Wir machen häufig den Fehler, Stoffwechselerkrankungen getrennt voneinander zu betrachten.

Bluthochdruck bekommt ein Medikament.

Erhöhter Blutzucker bekommt ein anderes.

Hohe Triglyceride werden separat behandelt.

Übergewicht bekommt seine eigene Therapie.

Doch unser Körper kennt diese medizinischen Schubladen nicht.

Blutdruck, Insulinresistenz, viszerales Fett, Entzündungen, Leberstoffwechsel und Gefäßfunktion beeinflussen sich gegenseitig.

Deshalb könnte der interessanteste Effekt der Olivenpolyphenole gerade darin bestehen, nicht nur einen einzigen Laborwert zu verändern.

Sie könnten möglicherweise verschiedene Stoffwechselwege gleichzeitig leicht beeinflussen.

Das wäre kein pharmakologischer Vorschlaghammer.

Vielleicht ist es eher ein sanfter Schubs in die richtige Richtung.


4. Und dann kommt die Schilddrüse

Jetzt wird es richtig spannend.

Bereits vor mehr als 20 Jahren untersuchten Wissenschaftler Olivenblattextrakt bei Ratten.

Dabei veränderten sich die Schilddrüsenhormone – insbesondere T3.

T3, also Trijodthyronin, ist das biologisch besonders aktive Schilddrüsenhormon.

Und das ist metabolisch ausgesprochen interessant.

Denn Schilddrüsenhormone beeinflussen unter anderem:

  • Grundumsatz
  • Wärmeproduktion
  • Fettstoffwechsel
  • Kohlenhydratstoffwechsel
  • Herzfrequenz
  • Muskelstoffwechsel
  • mitochondriale Aktivität

Vereinfacht könnte man sagen:

T3 ist eines der Signale, mit denen unser Körper bestimmt, wie hoch der Stoffwechselmotor drehen soll.

Und Olivenblattextrakt scheint diesen Motor zumindest bei Versuchstieren beeinflussen zu können.


5. Ist Olivenblattextrakt also ein natürlicher T3-Booster?

Nein.

Zumindest können wir das derzeit nicht behaupten.

Eine systematische Übersichtsarbeit untersuchte die vorhandene Forschung über Olivenprodukte und Schilddrüsenfunktion.

Von ursprünglich 445 gefundenen Publikationen erfüllten gerade einmal neun die entsprechenden Kriterien.

Und jetzt kommt der entscheidende Punkt:

Alle neun waren Tierstudien.

Keine einzige der eingeschlossenen Untersuchungen konnte zeigen, dass Olivenblattextrakt bei Menschen die Schilddrüsenfunktion auf dieselbe Weise beeinflusst.

Interessanterweise zeigten die Tierstudien allerdings relativ konsistent schilddrüsenstimulierende Effekte.

Das ist wissenschaftlich durchaus bemerkenswert.

Aber es ist eben noch kein Beweis für eine Wirkung beim Menschen.


6. Mehr T3 wäre außerdem nicht automatisch besser

An dieser Stelle entsteht schnell ein weiterer Denkfehler.

Wenn T3 unseren Energieverbrauch erhöht, könnte man auf die Idee kommen:

Mehr T3 = mehr Stoffwechsel = mehr Fettverbrennung = besser.

So einfach funktioniert unser Körper nicht.

Zu hohe Schilddrüsenhormonspiegel können unter anderem zu Herzrasen, Herzrhythmusstörungen, Muskelverlust und langfristig Problemen mit der Knochengesundheit führen.

Unser Ziel sollte deshalb niemals sein, Schilddrüsenhormone möglichst hoch zu treiben.

Interessanter wäre etwas ganz anderes:

Kann Olivenblattextrakt bei Menschen mit ungünstigem Schilddrüsenstoffwechsel zur Normalisierung beitragen?

Beispielsweise bei einer verminderten Umwandlung von T4 in das aktive T3?

Genau diese Frage ist derzeit nicht beantwortet.

Sie wäre aber eine Humanstudie wert.


7. Oleuropein: Vielleicht steckt hier der Schlüssel

Ein Kandidat für viele der beobachteten Effekte ist Oleuropein.

Bei der Verarbeitung beziehungsweise im Stoffwechsel können daraus weitere biologisch aktive Verbindungen wie Hydroxytyrosol entstehen.

Diese Pflanzenstoffe werden unter anderem wegen ihrer antioxidativen und entzündungsmodulierenden Eigenschaften untersucht.

Und hier schließt sich möglicherweise ein Kreis.

Denn oxidativer Stress, Entzündungen, Insulinresistenz und mitochondriale Funktion sind keine voneinander unabhängigen Vorgänge.

Sie beeinflussen sich gegenseitig.

Deshalb ist es durchaus denkbar, dass ein Teil der metabolischen Wirkung von Olivenblattextrakt nicht auf einen einzigen Rezeptor zurückzuführen ist.

Vielleicht beeinflussen die enthaltenen Polyphenole vielmehr ein ganzes Netzwerk metabolischer Prozesse.

Das wäre biologisch wesentlich interessanter als die Vorstellung einer einfachen „Wunderpille“.


8. Was ist mit Viren, Pilzen, Krebs und all den anderen Versprechen?

Wer nach Olivenblattextrakt sucht, findet schnell beeindruckende Listen.

Antiviral.

Antibakteriell.

Antimykotisch.

Antiparasitär.

Entzündungshemmend.

Krebsvorbeugend.

Immunstärkend.

Spätestens bei solchen Aufzählungen sollte man vorsichtig werden.

Viele dieser Eigenschaften wurden tatsächlich experimentell beobachtet.

Doch ein Effekt auf eine Zellkultur ist etwas völlig anderes als eine wirksame Behandlung beim Menschen.

Man kann im Labor zahlreiche Substanzen auf Krebszellen geben und anschließend deren Wachstum hemmen.

Daraus entsteht noch keine Krebstherapie.

Dasselbe gilt für Viren, Bakterien und Pilze.

Biologische Aktivität ist nicht dasselbe wie klinisch nachgewiesene Wirksamkeit.

Diese Unterscheidung wird bei Nahrungsergänzungsmitteln leider regelmäßig vergessen.


9. Ist Olivenblattextrakt damit nur ein weiterer Supplement-Hype?

Das wäre wiederum das andere Extrem.

Denn dafür sind die Daten inzwischen zu interessant.

Besonders der mögliche Einfluss auf den Blutdruck ist durch Humanstudien wesentlich besser abgesichert als viele andere Versprechen aus der Welt der Nahrungsergänzungsmittel.

Auch die Forschung zu Glukosestoffwechsel, Blutfetten und Entzündungsprozessen ist interessant – wenn auch noch nicht eindeutig.

Und die Schilddrüsenforschung liefert eine faszinierende Hypothese, die beim Menschen erst überprüft werden muss.

Damit landet Olivenblattextrakt für mich in einer interessanten Kategorie:

Noch kein Wundermittel – aber definitiv auch kein wirkungsloses Pflanzenpulver.


10. Sollten wir deshalb Olivenblattextrakt einnehmen?

Das hängt davon ab, was man davon erwartet.

Wer glaubt, damit eine Schilddrüsenunterfunktion behandeln, Krebs verhindern oder Infektionen therapieren zu können, erwartet von der derzeitigen Forschung eindeutig zu viel.

Wer Olivenblattextrakt dagegen als interessante Quelle konzentrierter Olivenpolyphenole betrachtet, für den sieht die Sache anders aus.

Dabei sollte man allerdings einen Punkt nicht vergessen:

Wenn Olivenblattextrakt tatsächlich Blutdruck und möglicherweise Glukosestoffwechsel beeinflusst, können diese Wirkungen insbesondere bei Menschen relevant werden, die bereits entsprechende Medikamente einnehmen.

„Natürlich“ bedeutet schließlich nicht automatisch „wirkungslos“.

Und eine Substanz, die wirken kann, kann prinzipiell auch unerwünschte Wirkungen oder Wechselwirkungen haben.


Fazit: Die Olive könnte ihr interessantestes Geheimnis in den Blättern verstecken

Olivenblattextrakt ist ein schönes Beispiel dafür, wie schwierig die Bewertung von Nahrungsergänzungsmitteln sein kann.

Auf der einen Seite stehen vollmundige Versprechen:

gegen Infektionen, gegen Entzündungen, gegen Diabetes, gegen Krebs und am besten gleich noch für ein längeres Leben.

Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die Pflanzenextrakte grundsätzlich für überflüssig halten.

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen.

Für den Blutdruck existieren inzwischen bemerkenswerte Humanstudien.

Beim Glukose- und Insulinstoffwechsel gibt es interessante, aber widersprüchliche Ergebnisse.

Die entzündungshemmenden und antioxidativen Eigenschaften der Olivenpolyphenole sind biologisch plausibel und Gegenstand intensiver Forschung.

Und bei der Schilddrüse haben wir eine ausgesprochen spannende Spur – aber bislang eben nur aus Tierexperimenten.

Vielleicht werden zukünftige Studien zeigen, dass sich daraus beim Menschen tatsächlich ein relevanter Effekt ergibt.

Vielleicht auch nicht.

Aber gerade das macht gute Wissenschaft aus:

Nicht aus einer interessanten Beobachtung sofort eine Wahrheit zu machen.

Sondern die richtige Frage zu stellen.

Und beim Olivenblatt lautet sie für mich:

Haben wir bei der mediterranen Ernährung jahrzehntelang nur auf die Olive geschaut – während ein besonders interessanter Teil des Olivenbaums über unseren Köpfen hing?


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