Krebs liebt Zucker. Also einfach den Zucker weglassen?

Kaum eine Aussage über Ernährung und Krebs klingt so einleuchtend:

Krebszellen brauchen Zucker. Wenn wir ihnen keinen Zucker mehr geben, verhungern sie.

Daraus entstand eine ganze Ernährungsphilosophie. Kohlenhydrate reduzieren, Glukose senken, Insulin niedrig halten, Ketonkörper erhöhen – und dem Tumor damit gewissermaßen den Treibstoff abdrehen.

Biochemisch klingt das zunächst erstaunlich plausibel.

Das Problem ist nur:

Krebs ist sehr viel anpassungsfähiger, als diese Theorie vermuten lässt.

Und genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzusehen.


Der Warburg-Effekt: Woher die Idee überhaupt kommt

Die Vorstellung vom „zuckerhungrigen Krebs“ ist keineswegs aus der Luft gegriffen.

Bereits der deutsche Biochemiker Otto Warburg beobachtete vor rund 100 Jahren eine Besonderheit vieler Krebszellen: Sie nehmen große Mengen Glukose auf und verarbeiten diese bevorzugt über die Glykolyse – sogar dann, wenn eigentlich ausreichend Sauerstoff vorhanden wäre.

Dieses Phänomen wird heute als Warburg-Effekt bezeichnet.

Die Medizin macht sich diesen Stoffwechsel sogar diagnostisch zunutze.

Bei einer FDG-PET-Untersuchung wird eine radioaktiv markierte Glukoseverbindung eingesetzt. Gewebe mit besonders hoher Glukoseaufnahme kann dadurch sichtbar werden.

Viele Tumoren leuchten dabei regelrecht auf.

Da liegt der Gedanke nahe:

Wenn Krebs so viel Glukose benötigt – warum entziehen wir ihm nicht einfach die Glukose?

Genau an dieser Stelle wird aus einer richtigen Beobachtung jedoch eine problematische Schlussfolgerung.


Weniger Kohlenhydrate bedeutet nicht: keine Glukose

Zunächst gibt es ein grundlegendes physiologisches Problem.

Selbst wenn ein Mensch praktisch keine Kohlenhydrate mehr isst, fällt sein Blutzucker nicht auf null.

Das darf er auch gar nicht.

Der Körper kann selbst Glukose herstellen. Dieser Vorgang heißt Gluconeogenese.

Vor allem die Leber kann beispielsweise aus Lactat, Glycerin und bestimmten Aminosäuren neue Glukose produzieren.

Deshalb haben auch Menschen unter einer streng ketogenen Ernährung weiterhin Glukose im Blut.

Allein durch den Verzicht auf Kohlenhydrate lässt sich einem Tumor also nicht einfach sämtliche Glukose entziehen.

Aber das ist noch nicht einmal das größte Problem dieser Theorie.


Krebszellen können ihren Stoffwechsel verändern

Wir neigen dazu, uns Krebszellen wie defekte normale Zellen vorzustellen.

Tatsächlich sind Tumoren jedoch evolutionäre Systeme.

Innerhalb eines Tumors existieren unterschiedliche Zellpopulationen. Es entstehen Mutationen, Zellen konkurrieren miteinander und diejenigen Zellen, die unter den vorhandenen Bedingungen besonders gut überleben, können sich vermehren.

Das betrifft auch ihren Stoffwechsel.

Eine Krebszelle muss deshalb keineswegs ausschließlich von Glukose abhängig sein.

Je nach Tumorart und biologischer Situation können Krebszellen unter anderem Energie oder Baustoffe gewinnen aus:

  • Glukose
  • Glutamin
  • Fettsäuren
  • Lactat
  • anderen Aminosäuren

Und genau hier wird die Sache spannend.

Kein Zucker? Dann eben Fett.

Experimente zeigen bei bestimmten Tumorzellen, dass sie ihren Stoffwechsel verändern können, wenn die Glukoseverwertung eingeschränkt wird.

Statt einfach abzusterben, können manche Zellen beispielsweise ihre Fettsäureoxidation hochfahren.

Vereinfacht gesagt:

Wenn der bevorzugte Brennstoff knapp wird, sucht sich die Krebszelle einen anderen.

Man könnte sich einen Tumor deshalb eher wie einen Hybridmotor vorstellen.

Benzin fehlt?

Dann wird auf Strom umgeschaltet.

Bei Tumorzellen kann das bedeuten:

Weniger Glukose verfügbar? Dann werden andere Stoffwechselwege wichtiger.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Fett Krebs verursacht oder dass eine fettreiche Ernährung automatisch Tumoren wachsen lässt.

Es zeigt etwas viel Grundsätzlicheres:

Tumoren besitzen metabolische Flexibilität.

Und genau diese Anpassungsfähigkeit macht Krebs so schwierig zu behandeln.


Und was bedeutet das für ketogene Ernährung?

Hier sollten wir nicht in das andere Extrem verfallen.

Aus der Erkenntnis, dass Krebszellen auch andere Energiequellen nutzen können, folgt keineswegs:

„Ketogene Ernährung bringt bei Krebs nichts.“

Auch das wäre wissenschaftlich zu einfach.

Eine ketogene Ernährung verändert schließlich weit mehr als nur den Blutzucker.

Sie kann unter anderem:

  • den Insulinspiegel reduzieren,
  • die Glukoseverfügbarkeit verändern,
  • Ketonkörper erhöhen,
  • den Fettstoffwechsel verändern,
  • möglicherweise Signalwege beeinflussen, die mit Zellwachstum zusammenhängen.

Genau deshalb wird ketogene Ernährung seit Jahren als mögliche ergänzende Strategie bei verschiedenen Krebsarten untersucht.

Die entscheidende Frage lautet jedoch:

Verbessert das tatsächlich die Prognose von Krebspatienten?

Und hier ist die wissenschaftliche Situation bislang wesentlich weniger spektakulär als manche Internetseite vermuten lässt.

Klinische Studien zeigen durchaus interessante metabolische Veränderungen. Eine ketogene Ernährung kann beispielsweise Glukose und Insulin beeinflussen und Körperfett reduzieren.

Was bisher aber fehlt, ist ein überzeugender Nachweis, dass eine ketogene Ernährung generell Krebs stoppen oder Patienten zuverlässig länger leben lassen kann.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Biologische Plausibilität ist noch kein klinischer Wirksamkeitsnachweis.


Vielleicht stellen wir deshalb die falsche Frage

Statt ständig darüber zu diskutieren:

„Lebt Krebs von Zucker oder Fett?“

sollten wir möglicherweise fragen:

Welche Stoffwechsellage begünstigt langfristig die Entstehung und das Wachstum bestimmter Tumoren?

Damit verändert sich die gesamte Diskussion.

Plötzlich geht es nicht mehr um einen einzelnen Nährstoff.

Dann reden wir über:

Übergewicht. Viszerales Fett. Insulinresistenz. Entzündungsprozesse. Hormone. Bewegung. Muskelmasse. Alkohol. Rauchen. Ernährung.

Und dafür existieren wesentlich robustere Daten.


Körperfett ist nicht einfach nur gespeicherte Energie

Lange Zeit wurde Fettgewebe hauptsächlich als Energiespeicher betrachtet.

Heute wissen wir:

Fettgewebe ist ein hormonell und immunologisch aktives Organ.

Insbesondere eine große Menge viszeralen Fettgewebes kann mit Veränderungen bei Entzündungsmediatoren, Insulinresistenz und verschiedenen hormonellen Signalwegen einhergehen.

Das ist deshalb interessant, weil Übergewicht und Adipositas mit einem erhöhten Risiko für verschiedene Krebsarten verbunden sind.

Es geht also möglicherweise weniger darum, ob jemand gestern 50 oder 200 Gramm Kohlenhydrate gegessen hat.

Viel wichtiger könnte langfristig sein:

In welchem metabolischen Zustand befindet sich dieser Mensch über Jahre und Jahrzehnte?


Insulin könnte dabei eine wichtige Rolle spielen

Insulin ist zunächst einmal ein lebenswichtiges Hormon.

Aber Insulin ist nicht ausschließlich für die Blutzuckerregulation zuständig.

Es beeinflusst auch Wachstums- und Stoffwechselsignalwege. Eng damit verbunden ist das IGF-System – Insulin-like Growth Factor.

Deshalb wird seit Jahren untersucht, welche Bedeutung chronisch erhöhte Insulinspiegel und Insulinresistenz für bestimmte Krebsarten haben könnten.

Das bedeutet wiederum nicht:

Insulin verursacht Krebs.

Krebs entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel aus genetischen Veränderungen, Alter, Umweltfaktoren, Lebensstil und Zufall.

Aber metabolische Gesundheit könnte beeinflussen, in welcher Umgebung entartete Zellen leben.

Und genau deshalb ist eine gute Insulinsensitivität vermutlich wesentlich interessanter als die dogmatische Frage:

Kohlenhydrate – ja oder nein?


Bewegung könnte wichtiger sein als die nächste Wunderdiät

Dieser Punkt wird erstaunlich häufig unterschätzt.

Wer regelmäßig körperlich aktiv ist, verändert seinen Stoffwechsel grundlegend.

Muskeln nehmen Glukose auf.

Die Insulinsensitivität verbessert sich.

Körperfett lässt sich leichter kontrollieren.

Entzündungsprozesse können beeinflusst werden.

Und Bewegung wird von großen Organisationen zur Krebsprävention ausdrücklich empfohlen.

Vielleicht sollten wir deshalb viel weniger darüber diskutieren, ob eine Banane wegen ihres Zuckers problematisch ist – und viel häufiger darüber, warum so viele Menschen den größten Teil ihres Tages sitzend verbringen.


Low Carb kann hervorragend sein – oder ziemlich schlecht

Auch hier lohnt sich etwas Differenzierung.

Zwei Menschen können beide nur 70 Gramm Kohlenhydrate täglich essen und sich trotzdem vollkommen unterschiedlich ernähren.

Variante A:

Fisch, Eier, Olivenöl, Avocado, Nüsse, Gemüse, Beeren, Hülsenfrüchte und gelegentlich Fleisch.

Variante B:

Wurst, Bacon, Salami, Butter, Käse und hochverarbeitete „Keto-Snacks“.

Beides könnte auf dem Papier „Low Carb“ sein.

Ernährungsphysiologisch ist es keineswegs dasselbe.

Gerade verarbeitetes Fleisch ist hinsichtlich des Darmkrebsrisikos problematisch. Gleichzeitig sprechen die Daten für eine Ernährung mit reichlich ballaststoffreichen pflanzlichen Lebensmitteln wie Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten.

Deshalb ist die Qualität unserer Lebensmittel wahrscheinlich sehr viel wichtiger als das Etikett Low Carb, Keto, Low Fat oder High Protein.


Auch „Zucker verursacht Krebs“ greift zu kurz

Damit kein Missverständnis entsteht:

Das ist kein Freibrief für Zucker.

Eine Ernährung mit großen Mengen Süßigkeiten, Softdrinks und hochverarbeiteten Lebensmitteln kann eine übermäßige Energieaufnahme fördern.

Dadurch können Gewichtszunahme, viszerales Fett und metabolische Probleme entstehen.

Das wiederum kann langfristig das Risiko verschiedener Erkrankungen erhöhen.

Aber das ist etwas völlig anderes als zu behaupten:

„Jeder Löffel Zucker füttert deinen Krebs.“

Unser Körper ist kein Reagenzglas.

Und Krebsbiologie lässt sich nicht auf einen einzigen Nährstoff reduzieren.


Was wir zur Krebsprävention tatsächlich beeinflussen können

Interessanterweise sind die Empfehlungen des World Cancer Research Fund ziemlich unspektakulär.

Ein gesundes Körpergewicht halten.

Körperlich aktiv sein.

Viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte und andere ballaststoffreiche Lebensmittel essen.

Hochverarbeitete Lebensmittel begrenzen.

Verarbeitetes Fleisch möglichst vermeiden und rotes Fleisch begrenzen.

Zuckerhaltige Getränke reduzieren.

Alkohol begrenzen beziehungsweise möglichst vermeiden.

Und natürlich gehört auch Nichtrauchen zu den wichtigsten beeinflussbaren Faktoren.

Keine dieser Empfehlungen klingt nach einem revolutionären Biohack.

Aber genau darin steckt vielleicht die wichtigste Erkenntnis.


Krebsprävention ist wahrscheinlich kein einzelner Trick

Wir Menschen lieben einfache Erklärungen.

Fett macht fett.

Cholesterin verstopft die Arterien.

Kohlenhydrate machen Diabetes.

Zucker füttert Krebs.

Die Biologie funktioniert leider selten so einfach.

Ein Tumor besteht nicht aus dummen Zellen, denen wir nur den richtigen Nährstoff wegnehmen müssen.

Krebszellen können sich anpassen.

Sie können ihren Stoffwechsel verändern.

Sie können unterschiedliche Substrate verwenden.

Und genau deshalb ist die Vorstellung problematisch, Krebs allein über einen bestimmten Makronährstoff kontrollieren zu wollen.


Die bessere Strategie: Den Menschen metabolisch gesund halten

Vielleicht liegt hier die wesentlich wichtigere Botschaft.

Wir sollten nicht versuchen, unser Leben danach auszurichten, einem möglicherweise irgendwann entstehenden Tumor einen einzelnen Brennstoff vorzuenthalten.

Wir sollten versuchen, einen Körper zu schaffen, in dem möglichst wenige der bekannten beeinflussbaren Risikofaktoren zusammenkommen.

Das bedeutet:

wenig viszerales Fett, gute Insulinsensitivität, regelmäßige Bewegung, ausreichend Muskelmasse, hochwertige Lebensmittel, wenig Alkohol und kein Rauchen.

Eine kohlenhydratreduzierte Ernährung kann dabei für manche Menschen ein hervorragendes Werkzeug sein.

Auch zeitweise ketogene Ernährung kann metabolisch interessante Effekte haben.

Aber Keto ist ein Werkzeug.

Keine Krebstherapie.

Und Zucker ist ein Nährstoff.

Nicht die alleinige Ursache von Krebs.


Fazit: Man kann Krebs nicht einfach den Zuckerhahn zudrehen

Der Warburg-Effekt ist real.

Viele Krebszellen verbrauchen tatsächlich enorme Mengen Glukose.

Doch daraus folgt nicht, dass man einen Tumor durch den Verzicht auf Kohlenhydrate einfach verhungern lassen kann.

Krebszellen können erstaunlich flexibel sein. Einige nutzen neben Glukose auch Fettsäuren, Glutamin, Lactat und andere Substrate.

Das macht die Geschichte komplizierter.

Aber vielleicht auch hilfreicher.

Denn statt nach der einen Wunderdiät zu suchen, können wir uns auf Dinge konzentrieren, für die die Evidenz wesentlich stärker ist:

metabolische Gesundheit erhalten, Übergewicht vermeiden, sich bewegen, vernünftig essen, Alkohol begrenzen und nicht rauchen.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis lautet deshalb:

Krebsprävention beginnt nicht damit, einem Tumor Nahrung wegzunehmen. Sie beginnt Jahre vorher mit der Umgebung, die wir in unserem Körper schaffen.

Und das ist eine Botschaft, mit der wir tatsächlich etwas anfangen können.


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