Eine neue Studie sorgt für Verwirrung – doch die Wahrheit liegt zwischen „wirkungslos“ und „unverzichtbar“

Calcium macht die Knochen hart. Vitamin D sorgt dafür, dass Calcium aus dem Darm aufgenommen werden kann. Daraus scheint eine einfache Schlussfolgerung zu entstehen:

Wer Calcium und Vitamin D als Nahrungsergänzung einnimmt, müsste besser vor Osteoporose und Knochenbrüchen geschützt sein.

Doch genau daran äußert eine neue große wissenschaftliche Auswertung Zweifel. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass Calcium und Vitamin D bei vielen Erwachsenen nur einen geringen oder gar keinen messbaren Schutz vor Knochenbrüchen und Stürzen bieten.

Eine deutsche Osteoporose-Expertin hält dagegen. Sie verweist darauf, dass die Kombination aus Calcium und Vitamin D das relative Risiko für Hüftfrakturen immerhin um 16 Prozent gesenkt habe.

Wer hat nun recht?

Die überraschende Antwort lautet: möglicherweise beide Seiten.

Denn entscheidend ist nicht nur, ob ein Effekt gemessen wurde, sondern auch:

  • wie groß der absolute Nutzen ist,
  • wie hoch das persönliche Ausgangsrisiko war,
  • ob überhaupt ein Nährstoffmangel bestand,
  • und welche Menschen in den Studien untersucht wurden.

Was die neue Metaanalyse untersucht hat

Für die im Fachjournal The BMJ veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit wurden 69 klinische Studien mit insgesamt mehr als 150.000 Erwachsenen ausgewertet.

Untersucht wurde, ob die Einnahme von

  • Calcium allein,
  • Vitamin D allein
  • oder Calcium und Vitamin D gemeinsam

Knochenbrüche und Stürze verhindern kann.

Das Ergebnis fiel ernüchternd aus.

Vitamin D allein zeigte insgesamt keinen überzeugenden Schutz vor Knochenbrüchen. Auch Calcium allein senkte das Frakturrisiko nicht eindeutig.

Bei der kombinierten Einnahme von Calcium und Vitamin D zeigte sich dagegen eine statistische Verringerung:

  • etwa 9 Prozent weniger Knochenbrüche insgesamt,
  • etwa 16 Prozent weniger Hüftfrakturen,
  • und möglicherweise rund 13 Prozent weniger Frakturen außerhalb der Wirbelsäule.

Die Autoren bewerteten diesen Nutzen dennoch als gering beziehungsweise klinisch wenig bedeutsam.

Sind 16 Prozent weniger Hüftfrakturen wirklich wenig?

Auf den ersten Blick klingen 16 Prozent beeindruckend.

Doch diese Zahl beschreibt die relative Risikoreduktion. Sie sagt nicht, wie viele Menschen tatsächlich von der Behandlung profitieren.

Ein vereinfachtes Beispiel:

Angenommen, von 1.000 älteren Menschen würden ohne Nahrungsergänzung innerhalb eines bestimmten Zeitraums 20 eine Hüftfraktur erleiden.

Eine relative Risikoreduktion von 16 Prozent würde bedeuten, dass statt 20 möglicherweise nur etwa 17 Hüftfrakturen auftreten.

Damit würden ungefähr drei Hüftfrakturen pro 1.000 behandelten Menschen verhindert.

Für 997 von 1.000 Menschen hätte die Einnahme in diesem Beispiel keinen Unterschied beim Auftreten einer Hüftfraktur gemacht.

Das bedeutet jedoch nicht, dass der Effekt wertlos wäre. Hüftfrakturen können bei sehr alten Menschen zu Pflegebedürftigkeit, Verlust der Selbstständigkeit und schweren Folgekomplikationen führen. Auf die gesamte Bevölkerung hochgerechnet können auch kleine absolute Effekte eine beträchtliche Zahl von Frakturen verhindern.

Genau darauf verweist die im aponet-Artikel zitierte Osteoporose-Expertin Friederike Thomasius. Aus ihrer Sicht darf eine relative Verringerung der Hüftfrakturen um 16 Prozent nicht einfach als bedeutungslos abgetan werden.

Der wichtigste Unterschied: hohes oder niedriges Ausgangsrisiko

Ob eine Risikoreduktion von 16 Prozent bedeutsam ist, hängt stark vom persönlichen Ausgangsrisiko ab.

Bei einem gesunden, beweglichen Erwachsenen mit stabilen Knochen und guter Ernährung ist das Risiko einer Hüftfraktur relativ gering. Eine weitere Verringerung dieses bereits niedrigen Risikos bringt nur einen kleinen absoluten Nutzen.

Ganz anders sieht es bei einer 85-jährigen Frau aus, die

  • bereits Osteoporose hat,
  • wenig Muskelkraft besitzt,
  • häufig stürzt,
  • kaum Sonnenlicht bekommt,
  • wenig isst
  • und möglicherweise untergewichtig ist.

Bei ihr ist das Ausgangsrisiko erheblich höher. Dadurch kann derselbe relative Effekt wesentlich mehr tatsächliche Frakturen verhindern.

Eine pauschale Empfehlung für die gesamte Bevölkerung wird dieser Realität nicht gerecht.

Ein Nährstoff kann wichtig sein, ohne als Tablette zu wirken

Die neue Untersuchung beweist keineswegs, dass Calcium und Vitamin D für die Knochen unwichtig wären.

Ohne Calcium kann kein stabiles Knochengewebe aufgebaut werden. Vitamin D unterstützt die Aufnahme von Calcium aus dem Darm und spielt zusätzlich eine Rolle für Muskelfunktion und Knochenstoffwechsel.

Der entscheidende Punkt lautet jedoch:

Ein Nährstoffmangel kann krank machen. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass zusätzliche Mengen bei bereits ausreichend versorgten Menschen einen weiteren Nutzen bringen.

Wer täglich genügend Calcium über die Ernährung aufnimmt, kann durch zusätzliche Calciumtabletten möglicherweise kaum noch profitieren.

Ähnlich verhält es sich mit Vitamin D. Wer ausreichend versorgt ist, wird durch eine zusätzliche Dosis nicht automatisch noch besser vor Knochenbrüchen geschützt.

Man könnte es mit einem Kraftstofftank vergleichen: Ist der Tank leer, muss er aufgefüllt werden. Ist er bereits voll, verbessert zusätzliches Benzin die Reichweite nicht – es läuft höchstens über.

Gesunde Studienteilnehmer sind nicht automatisch Osteoporosepatienten

Ein weiteres Problem vieler Untersuchungen besteht darin, dass sehr unterschiedliche Menschen gemeinsam ausgewertet werden.

Zu den Teilnehmern können gehören:

  • gesunde Erwachsene,
  • selbstständig lebende Senioren,
  • Pflegeheimbewohner,
  • Menschen mit Vitamin-D-Mangel,
  • Menschen mit ausreichender Versorgung,
  • Osteoporosepatienten,
  • und Menschen ohne messbar erhöhtes Frakturrisiko.

Die Wirkung eines Nahrungsergänzungsmittels kann in diesen Gruppen sehr unterschiedlich ausfallen.

Die Autoren der BMJ-Analyse weisen selbst darauf hin, dass die Datenlage für Menschen mit besonders hohem Frakturrisiko, Bewohner von Pflegeeinrichtungen und Patienten mit spezifischen Knochenerkrankungen teilweise begrenzt ist.

Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres auf jeden einzelnen Osteoporosepatienten übertragen.

Warum Vitamin D allein häufig enttäuscht

Vitamin D wurde über Jahre fast wie ein universeller Schutzstoff dargestellt.

Es sollte angeblich nicht nur vor Osteoporose schützen, sondern auch vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Infektionen, Depressionen und zahlreichen weiteren Krankheiten.

Doch große randomisierte Studien zeigen immer wieder: Bei relativ gesunden Menschen ohne ausgeprägten Mangel verhindert eine pauschale Vitamin-D-Einnahme viele dieser Erkrankungen nicht zuverlässig.

Das liegt nicht zwingend daran, dass Vitamin D unwichtig wäre.

Es kann vielmehr daran liegen, dass ein großer Teil der Studienteilnehmer bereits ausreichend versorgt war. Bei diesen Menschen wird durch eine weitere Supplementierung kaum ein zusätzlicher Effekt entstehen.

Anders kann es bei einem echten Mangel aussehen. Ein schwerer Vitamin-D-Mangel kann zu Muskelschwäche, Störungen des Knochenstoffwechsels und Osteomalazie führen. In diesem Fall ist eine Behandlung sinnvoll und notwendig.

Die entscheidende Frage sollte daher nicht lauten:

„Wirkt Vitamin D?“

Sondern:

„Bei wem besteht ein Mangel, welche Dosis wird benötigt und welches konkrete Ziel soll erreicht werden?“

Warum Calcium bevorzugt aus Lebensmitteln kommen sollte

Die deutsche Osteoporose-Leitlinie empfiehlt eine tägliche Gesamtzufuhr von ungefähr 1.000 Milligramm Calcium.

Dabei soll Calcium möglichst über die Ernährung aufgenommen werden. Nahrungsergänzungsmittel sind vor allem dann sinnvoll, wenn die empfohlene Zufuhr über Lebensmittel nicht erreicht werden kann.

Calciumreiche Lebensmittel sind beispielsweise:

  • Joghurt, Quark und Käse,
  • calciumreiches Mineralwasser,
  • Sardinen mit Gräten,
  • Grünkohl und Brokkoli,
  • Mandeln,
  • Sesam,
  • sowie bestimmte mit Calcium angereicherte Lebensmittel.

Der Vorteil von Lebensmitteln liegt darin, dass Calcium über mehrere Mahlzeiten verteilt aufgenommen wird. Gleichzeitig liefern sie häufig weitere wichtige Nährstoffe wie Protein, Magnesium, Phosphor und Vitamin K.

Eine hoch dosierte Calciumtablette liefert dagegen eine große Menge auf einmal und kann bei manchen Menschen Verdauungsbeschwerden oder Verstopfung verursachen. Bei entsprechender Veranlagung kann außerdem das Risiko für Nierensteine steigen.

Mehr Calcium ist deshalb nicht automatisch besser.

Reicht Vitamin D und Calcium bei Osteoporose aus?

Nein.

Das ist vermutlich die wichtigste praktische Botschaft.

Vitamin D und Calcium bilden eine Grundlage für den Knochenstoffwechsel. Sie sind jedoch keine vollständige Osteoporosetherapie.

Wer bereits eine ausgeprägte Osteoporose oder ein hohes Frakturrisiko hat, benötigt möglicherweise zusätzlich eine gezielte medikamentöse Behandlung. Dazu gehören je nach individueller Situation beispielsweise Bisphosphonate, Denosumab oder knochenaufbauende Medikamente.

Calcium und Vitamin D ersetzen diese Behandlung nicht.

Umgekehrt muss während bestimmter Osteoporosetherapien auf eine ausreichende Versorgung geachtet werden. Besonders bei Medikamenten, die den Knochenabbau stark bremsen, kann eine unzureichende Calcium- oder Vitamin-D-Versorgung problematisch sein.

Deshalb sollte man aus der neuen Studie keinesfalls die Schlussfolgerung ziehen, Osteoporosepatienten könnten ihre Nahrungsergänzungen oder Medikamente einfach absetzen.

Stabile Knochen brauchen mehr als zwei Nährstoffe

Das menschliche Skelett ist kein unbewegliches Kalkgerüst. Knochengewebe wird lebenslang auf-, um- und abgebaut.

Für stabile Knochen benötigt der Körper mehr als nur Calcium und Vitamin D.

1. Krafttraining

Knochen reagieren auf Belastung. Muskeln, die am Knochen ziehen, senden ein biologisches Signal zum Erhalt und Aufbau von Knochengewebe.

Geeignet sind beispielsweise:

  • Kniebeugen,
  • Krafttraining an Geräten,
  • Treppensteigen,
  • zügiges Gehen,
  • Sprungübungen bei geeigneten Personen,
  • und das Tragen von Gewichten.

Radfahren und Schwimmen sind hervorragend für Herz und Kreislauf, belasten die Knochen aber deutlich weniger als Krafttraining oder Gehen.

2. Ausreichend Protein

Knochen bestehen nicht nur aus Mineralstoffen. Ein großer Teil der Knochenstruktur besteht aus einer Proteinmatrix, vor allem aus Kollagen.

Bei älteren Menschen kann eine zu geringe Proteinzufuhr den Verlust von Muskelmasse beschleunigen. Weniger Muskelkraft erhöht wiederum das Sturzrisiko.

Protein ist deshalb für die Frakturprävention mindestens ebenso wichtig wie die alleinige Betrachtung der Calciumzufuhr.

3. Muskelkraft und Gleichgewicht

Viele Hüftfrakturen entstehen nicht nur durch schwache Knochen, sondern durch einen Sturz.

Sinnvoll sind daher:

  • Gleichgewichtstraining,
  • Beintraining,
  • Überprüfung der Sehkraft,
  • geeignetes Schuhwerk,
  • Beseitigung von Stolperfallen,
  • und eine Überprüfung von Medikamenten, die Schwindel verursachen können.

4. Genügend Energie

Untergewicht und chronische Unterernährung können den Knochenabbau fördern. Das gilt besonders bei älteren Menschen, die kaum Appetit haben oder über längere Zeit zu wenig essen.

5. Hormone und Erkrankungen

Auch Wechseljahre, Testosteronmangel, Schilddrüsenerkrankungen, chronische Entzündungen, Nierenerkrankungen und bestimmte Medikamente können den Knochenstoffwechsel beeinflussen.

Wer nur Vitamin D misst, übersieht deshalb möglicherweise die eigentliche Ursache.

Und welche Rolle spielt Vitamin K2?

Vitamin K wird benötigt, um bestimmte Proteine des Knochenstoffwechsels zu aktivieren, darunter Osteocalcin.

Daraus wird häufig die Behauptung abgeleitet, Vitamin K2 müsse zwingend zusammen mit Vitamin D eingenommen werden, damit Calcium „in die Knochen und nicht in die Gefäße“ gelangt.

Biochemisch ist die Beteiligung von Vitamin K am Knochenstoffwechsel plausibel. Ob eine zusätzliche K2-Einnahme bei ausreichend versorgten Menschen jedoch tatsächlich zuverlässig Hüftfrakturen verhindert, ist wesentlich weniger eindeutig belegt.

Vitamin K2 sollte daher nicht als magischer Schutzmechanismus dargestellt werden.

Besondere Vorsicht gilt bei Menschen, die gerinnungshemmende Medikamente aus der Gruppe der Vitamin-K-Antagonisten einnehmen. Sie sollten Vitamin-K-Präparate nicht ohne ärztliche Rücksprache verwenden.

Was bedeutet die neue Studie nun praktisch?

Die Untersuchung spricht gegen die Vorstellung, jeder Erwachsene müsse zur Vorbeugung von Knochenbrüchen automatisch Calcium- und Vitamin-D-Tabletten einnehmen.

Sie beweist jedoch nicht, dass diese Nährstoffe überflüssig sind.

Eine vernünftige Strategie sieht so aus:

Bei gesunden Menschen mit guter Ernährung

Calcium bevorzugt über Lebensmittel aufnehmen, regelmäßig Krafttraining betreiben und eine unnötige hoch dosierte Supplementierung vermeiden.

Bei geringer Calciumzufuhr

Zunächst die Ernährung verbessern. Reicht das nicht aus, kann eine gezielte Ergänzung sinnvoll sein.

Bei Verdacht auf Vitamin-D-Mangel

Risikofaktoren und gegebenenfalls den Blutwert bestimmen lassen. Anschließend sollte die Dosis an der tatsächlichen Versorgung ausgerichtet werden.

Bei Osteoporose oder hohem Frakturrisiko

Calcium und Vitamin D gehören zur Basisversorgung, reichen allein aber häufig nicht aus. Das persönliche Frakturrisiko und eine mögliche medikamentöse Therapie müssen ärztlich beurteilt werden.

Bei älteren Menschen mit Sturzrisiko

Nicht nur Tabletten verordnen, sondern besonders Muskelkraft, Gleichgewicht, Sehvermögen, Ernährung, Medikamente und die Wohnumgebung berücksichtigen.

Fazit: Notwendige Nährstoffe sind noch keine Frakturversicherung

Calcium und Vitamin D sind für gesunde Knochen unverzichtbar.

Doch daraus folgt nicht, dass zusätzliche Tabletten bei jedem Menschen Knochenbrüche verhindern.

Die neue Metaanalyse zeigt, dass Vitamin D oder Calcium allein bei vielen Erwachsenen wenig bewirken. Die Kombination senkte das relative Risiko für Hüftfrakturen zwar um etwa 16 Prozent, der absolute Nutzen blieb für den durchschnittlichen Studienteilnehmer jedoch klein.

Bei Menschen mit hohem Risiko kann auch ein kleiner relativer Effekt relevant sein. Bei gesunden, gut versorgten Menschen ist eine routinemäßige Einnahme dagegen häufig unnötig.

Die bessere Botschaft lautet deshalb nicht:

„Calcium und Vitamin D wirken nicht.“

Sondern:

Eine ausreichende Versorgung ist wichtig. Zusätzliche Tabletten helfen jedoch vor allem dann, wenn tatsächlich eine Unterversorgung oder ein erhöhtes Risiko besteht.

Starke Knochen entstehen nicht allein im Tablettenschrank. Sie entstehen durch Bewegung, Muskelkraft, ausreichend Protein, eine gute Nährstoffversorgung und eine Behandlung, die zum persönlichen Risiko passt.


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