Wir schlucken Vitamin D für die Knochen, achten auf unseren Calciumspiegel und glauben, damit sei die Sache erledigt.

Doch möglicherweise fehlt in dieser Rechnung ein entscheidender Mitspieler.

Denn Calcium muss nicht nur in den Körper gelangen. Es muss anschließend auch am richtigen Ort ankommen.

In den Knochen ist es erwünscht. In den Zähnen ebenfalls. In den Wänden unserer Blutgefäße dagegen kann es zu einem ernsthaften Problem werden.

Genau an dieser Stelle kommt Vitamin K ins Spiel.

Gefäßverkalkung ist kein Kalk aus der Wasserleitung

Der Begriff „Gefäßverkalkung“ klingt, als würden sich unsere Arterien im Laufe des Lebens ähnlich zusetzen wie ein alter Wasserkocher.

So einfach ist es jedoch nicht.

Arteriosklerose ist ein komplexer, über viele Jahre ablaufender Prozess. Entzündungsreaktionen, veränderte Blutfette, Schäden an der Gefäßinnenwand, Immunzellen, Bindegewebe und Calciumablagerungen wirken dabei zusammen.

Die Gefäßwand wird dicker und unelastischer. Es entstehen Plaques, die das Gefäß verengen können. Wird eine solche Plaque instabil und reißt auf, kann sich innerhalb kurzer Zeit ein Blutgerinnsel bilden.

Verschließt es ein Herzkranzgefäß, droht ein Herzinfarkt. Geschieht dasselbe in einem hirnversorgenden Gefäß, kann die Folge ein Schlaganfall sein.

Vitamin K löst diesen gesamten Prozess natürlich nicht im Alleingang. Aber es ist an einem bemerkenswerten Schutzmechanismus beteiligt.

Ein Protein, das Calcium von den Gefäßen fernhalten soll

Besonders interessant ist das sogenannte Matrix-Gla-Protein, abgekürzt MGP.

Dieses Protein wird unter anderem in den Gefäßwänden gebildet und gilt als einer der wichtigsten körpereigenen Hemmstoffe von Gefäßverkalkungen.

Allerdings gibt es einen Haken:

Das Protein ist zunächst noch nicht vollständig einsatzbereit.

Damit MGP Calcium wirksam binden und Verkalkungsprozesse hemmen kann, muss es durch einen biochemischen Vorgang aktiviert werden. Dieser Vorgang heißt Carboxylierung – und dafür benötigt der Körper Vitamin K.

Fehlt ausreichend verfügbares Vitamin K, bleibt ein größerer Anteil des MGP in seiner inaktiven Form zurück.

Der Mechanismus ist wissenschaftlich gut nachvollziehbar. Auch Medikamente wie Warfarin beziehungsweise Phenprocoumon, die den Vitamin-K-Stoffwechsel hemmen, zeigen, wie eng Vitamin K und die Regulation von Verkalkungsprozessen miteinander verbunden sind.

Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass jeder Mensch mit Gefäßverkalkung schlicht zu wenig Vitamin K2 eingenommen hat. Ebenso wenig beweist der Mechanismus, dass sich verkalkte Arterien mit hohen K2-Dosen wieder vollständig reinigen lassen.

Der Körper ist keine verstopfte Kaffeemaschine, und Vitamin K2 ist kein Entkalker.

Vitamin K1 und K2: Ähnliche Familie, unterschiedliche Wege

Unter dem Begriff Vitamin K werden mehrere chemisch verwandte Substanzen zusammengefasst.

Vitamin K1

Vitamin K1, auch Phyllochinon genannt, steckt vor allem in grünem Gemüse:

  • Spinat
  • Grünkohl
  • Brokkoli
  • Mangold
  • Feldsalat
  • verschiedenen Kohlsorten

K1 spielt insbesondere bei der Bildung von Gerinnungsfaktoren in der Leber eine wichtige Rolle.

Vitamin K2

Vitamin K2 bezeichnet eine Gruppe verschiedener Menachinone. Zu ihnen gehören unter anderem MK-4 und MK-7.

K2 kommt vor allem in fermentierten Lebensmitteln und einigen tierischen Produkten vor. Besonders viel enthält das japanische Lebensmittel Natto, das aus fermentierten Sojabohnen hergestellt wird. Auch bestimmte Käsearten können relevante Mengen enthalten.

MK-7 bleibt vergleichsweise lange im Blut nachweisbar. Daraus entstand die Vermutung, dass es Gewebe außerhalb der Leber, beispielsweise Gefäße und Knochen, besonders gut erreichen könnte.

In Nahrungsergänzungsmitteln wird deshalb häufig MK-7 verwendet.

Die klare Trennung „K1 ist nur für die Blutgerinnung, K2 nur für Gefäße und Knochen“ wäre allerdings zu simpel. Beide Formen gehören zum Vitamin-K-Stoffwechsel, und auch K1 kann außerhalb der Leber biologische Wirkungen entfalten.

Das zweite wichtige Protein: Osteocalcin

Neben MGP ist auch Osteocalcin von Vitamin K abhängig.

Osteocalcin wird in den Knochen gebildet und ist an deren Mineralstoffwechsel beteiligt. Auch dieses Protein muss durch Vitamin K carboxyliert werden.

Daraus entstand das eingängige Bild vom „Calcium-Verkehrspolizisten“:

Vitamin D erhöht die Calciumaufnahme und fördert die Bildung bestimmter Proteine. Vitamin K aktiviert anschließend Proteine, die an der Verteilung und Nutzung dieses Calciums beteiligt sind.

Das ist als Erklärung hilfreich.

Es sollte jedoch nicht so verstanden werden, als würde Vitamin K2 jedes einzelne Calciumion persönlich aus den Gefäßen abholen und in den Oberschenkelknochen tragen. Stoffwechselvorgänge sind komplexer als die Werbegrafiken auf einer Supplementdose.

Vitamin D und K2: Das angebliche Traumpaar

Vitamin D und Vitamin K2 werden inzwischen fast so selbstverständlich gemeinsam verkauft wie Salz und Pfeffer.

Dafür gibt es eine biochemisch plausible Begründung:

Vitamin D unterstützt die Aufnahme von Calcium aus dem Darm. Außerdem beeinflusst es die Bildung von Proteinen wie MGP und Osteocalcin. Vitamin K ist wiederum notwendig, um diese Proteine vollständig zu aktivieren.

Daraus folgt aber nicht, dass jeder Mensch, der Vitamin D einnimmt, zwangsläufig zusätzlich K2 benötigt.

Insbesondere die Aussage, Vitamin D führe ohne K2 automatisch zur Gefäßverkalkung, ist wissenschaftlich nicht belegt.

Problematisch kann vielmehr eine langfristige, unkontrolliert hohe Vitamin-D-Zufuhr werden. Eine echte Vitamin-D-Überdosierung kann zu erhöhten Calciumwerten im Blut und Urin führen und im Extremfall Nieren, Herz und Weichteile schädigen. Das amerikanische Office of Dietary Supplements nennt für Erwachsene 4.000 Internationale Einheiten täglich als allgemein tolerierbare obere Aufnahmemenge, sofern keine individuelle medizinische Indikation vorliegt.

K2 sollte deshalb nicht als Freibrief verstanden werden, beliebig hohe Mengen Vitamin D einzunehmen.

Was zeigen die Studien wirklich?

Hier wird es weniger spektakulär, aber dafür ehrlicher.

Studien zeigen recht zuverlässig, dass eine Vitamin-K-Gabe die Laborwerte inaktiver Vitamin-K-abhängiger Proteine verbessern kann. Besonders der Marker dp-ucMGP sinkt häufig unter einer Supplementierung.

Das beweist, dass das Vitamin im Stoffwechsel ankommt und MGP stärker aktiviert wird.

Die entscheidende Frage lautet aber:

Führt das anschließend tatsächlich zu weniger Gefäßverkalkung, weniger Herzinfarkten und einem längeren Leben?

Darauf gibt es bisher keine endgültige Antwort.

Eine Metaanalyse randomisierter Studien fand Hinweise darauf, dass Vitamin K das Fortschreiten der Verkalkung der Herzkranzgefäße geringfügig verlangsamen könnte. Gleichzeitig waren die eingeschlossenen Studien unterschiedlich aufgebaut und die Ergebnisse nicht durchgehend einheitlich.

In einer zweijährigen Untersuchung älterer Männer mit ausgeprägter Verkalkung der Aortenklappe konnten MK-7 und Vitamin D das Fortschreiten der Klappenverkalkung dagegen nicht messbar bremsen.

Auch bei Dialysepatienten, die ein besonders hohes Risiko für Gefäßverkalkungen haben, zeigen Übersichtsarbeiten bisher keinen eindeutigen klinischen Nutzen durch Vitamin-K-Präparate.

Der derzeitige Stand lässt sich deshalb so zusammenfassen:

Der Mechanismus ist überzeugend. Die klinische Wirkung einer allgemeinen K2-Supplementierung ist vielversprechend, aber noch nicht abschließend bewiesen.

Kann Vitamin K2 bestehende Ablagerungen wieder entfernen?

Hier ist besondere Vorsicht angebracht.

In Tierexperimenten konnten durch Vitamin-K-Antagonisten ausgelöste Verkalkungen teilweise beeinflusst oder zurückgebildet werden. Tiermodelle lassen sich jedoch nicht automatisch auf jahrzehntelang entstandene menschliche Arteriosklerose übertragen.

Es gibt derzeit keinen soliden Nachweis dafür, dass eine handelsübliche K2-Kapsel verkalkte menschliche Arterien zuverlässig wieder freimacht.

Wer etwas anderes verspricht, verlässt meist den Boden der Forschung und betritt die Verkaufsabteilung.

Reicht die Ernährung aus?

Ein schwerer Vitamin-K-Mangel ist bei gesunden Erwachsenen mit abwechslungsreicher Ernährung eher selten.

Vitamin K1 lässt sich über grünes Gemüse relativ gut aufnehmen. Eine große Portion Spinat, Grünkohl oder Brokkoli liefert bereits erhebliche Mengen.

Bei Vitamin K2 ist die Situation komplizierter, weil der Gehalt stark vom Lebensmittel, seiner Herstellung und der Fermentation abhängt.

Mögliche Quellen sind:

  • Natto
  • gereifte und fermentierte Käsesorten
  • Eigelb
  • Leber
  • bestimmte Fleisch- und Milchprodukte

Ob Menschen für eine optimale Gefäßgesundheit größere Mengen K2 benötigen, als sie gewöhnlich über die Ernährung aufnehmen, ist wissenschaftlich bislang nicht eindeutig geklärt.

Wer besonders vorsichtig sein muss

Vitamin K ist nicht automatisch harmlos, nur weil es ein Vitamin ist.

Menschen, die Vitamin-K-Antagonisten wie Phenprocoumon oder Warfarin einnehmen, sollten ihre Vitamin-K-Zufuhr nicht eigenmächtig stark verändern und kein K2-Präparat ohne Rücksprache beginnen.

Diese Medikamente wirken gerade dadurch, dass sie den Vitamin-K-Stoffwechsel hemmen. Plötzliche Änderungen der Vitamin-K-Aufnahme können deshalb die Gerinnungseinstellung verändern. Entscheidend ist häufig nicht eine vollständig vitamin-K-freie Ernährung, sondern eine möglichst gleichmäßige Zufuhr.

Auch bei Nierenerkrankungen, Störungen des Calciumstoffwechsels oder der Einnahme hoher Vitamin-D- und Calciumdosen gehört die Supplementierung ärztlich begleitet.

Die unbequeme Wahrheit über gesunde Gefäße

Es wäre angenehm, wenn wir nur eine Kapsel einnehmen müssten, um unsere Arterien jung zu halten.

Doch die größten Einflussfaktoren auf die Gefäßgesundheit sind weiterhin erstaunlich unspektakulär:

Nicht rauchen. Blutdruck kontrollieren. Überhöhte ApoB- beziehungsweise LDL-Werte ernst nehmen. Sich regelmäßig bewegen. Übergewicht und Diabetes vermeiden. Ausreichend schlafen. Gemüse, Hülsenfrüchte, Fisch, Nüsse und wenig hochverarbeitete Lebensmittel essen.

Vitamin K könnte innerhalb dieses Gesamtbildes eine wichtige Rolle spielen.

Es ist aber nicht der Feuerwehrmann, der nach Jahrzehnten schlechter Ernährung erscheint, eine Kapsel schluckt und sämtliche Schäden wieder beseitigt.

Fazit

Vitamin K aktiviert Proteine, die an der Regulation von Calcium und am Schutz vor Gefäßverkalkungen beteiligt sind. Besonders das Matrix-Gla-Protein benötigt Vitamin K, um vollständig funktionsfähig zu werden.

Dieser Mechanismus ist wissenschaftlich gut belegt.

Noch nicht ausreichend belegt ist dagegen die deutlich weitergehende Behauptung, dass eine routinemäßige Vitamin-K2-Supplementierung bei allen Menschen Herzinfarkte verhindert oder vorhandene Gefäßverkalkungen wieder entfernt.

Vitamin K2 ist damit weder wirkungsloser Nahrungsergänzungs-Unsinn noch die Wunderwaffe, als die es teilweise vermarktet wird.

Es ist vermutlich etwas viel Interessanteres:

Ein wichtiger Baustein in einem hochkomplexen System – dessen Bedeutung wir gerade erst vollständig zu verstehen beginnen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert