Bryan Johnson hat seinen Körper vermessen wie vermutlich kein Mensch vor ihm.
Sein Schlaf wird analysiert. Sein Blut wird regelmäßig untersucht. Seine Organe bekommen biologische Altersangaben. Seine Nahrung wird gewogen, berechnet und nach festen Zeitplänen verzehrt. Hunderte Messwerte sollen zeigen, ob sein Körper schneller oder langsamer altert.
Und dann passiert etwas, das in seinem System eigentlich nicht vorgesehen war:
Johnson erhält die Diagnose Autoimmungastritis.
Eine chronische Erkrankung, bei der das Immunsystem bestimmte Zellen der Magenschleimhaut angreift. Genau jene Zellen, die Magensäure und den sogenannten Intrinsic Factor produzieren – zwei Dinge, die der Körper unter anderem für die Aufnahme von Eisen und Vitamin B12 benötigt.
Johnson selbst beschreibt es dramatischer:
Sein Magen „esse sich selbst“.
Das klingt nach einer Katastrophe. Tatsächlich handelt es sich um eine ernst zu nehmende, aber behandelbare chronische Autoimmunerkrankung. Interessant ist deshalb weniger die Schlagzeile.
Interessant ist eine andere Frage:
Kann eine Ernährung auf dem Papier perfekt sein – und für den konkreten Menschen trotzdem falsch?
Bryan Johnson ernährt sich seit Jahren nahezu vollständig pflanzlich. Seine Mahlzeiten bestehen aus Gemüse, Hülsenfrüchten, Nüssen, Samen, Beeren, Olivenöl und genau berechneten Ergänzungsmitteln.
Das klingt ausgesprochen gesund.
Und grundsätzlich kann eine gut geplante vegane Ernährung auch gesund sein.
Doch Johnsons Erkrankung legt eine Schwachstelle offen, über die in der Ernährungsdiskussion erstaunlich selten gesprochen wird:
Es reicht nicht, dass ein Nährstoff im Essen enthalten ist. Der Körper muss ihn auch aufnehmen können.
Sein Ferritin war seit Jahren auffällig niedrig
Nach Johnsons eigenen Angaben waren seine Eisenspeicher über einen langen Zeitraum niedrig. Der entscheidende Laborwert heißt Ferritin. Er zeigt vereinfacht gesagt, wie gut die Eisendepots des Körpers gefüllt sind.
Das Merkwürdige daran:
Johnson hatte Zugang zu Ärzten, modernster Diagnostik, einer minutiös geplanten Ernährung und praktisch jedem verfügbaren Nahrungsergänzungsmittel.
Trotzdem blieb das Problem bestehen.
Erst eine Magenspiegelung mit Gewebeproben führte zur Diagnose. Die Autoimmungastritis hatte offenbar die Magenschleimhaut geschädigt und die Eisenaufnahme beeinträchtigt. Eisenmangel ist bei dieser Erkrankung häufig eines der ersten erkennbaren Zeichen – teilweise lange bevor ein Vitamin-B12-Mangel oder eine perniziöse Anämie auftritt.
Das ist zunächst einmal kein Beweis gegen vegane Ernährung.
Aber es ist auch kein Detail, das man einfach übergehen sollte.
Pflanzliches Eisen ist nicht dasselbe wie tierisches Eisen
In pflanzlichen Lebensmitteln steckt sogenanntes Nicht-Häm-Eisen. Es kommt beispielsweise in Linsen, Bohnen, Vollkornprodukten, Nüssen und Samen vor.
Tierische Lebensmittel enthalten zusätzlich Häm-Eisen.
Der Unterschied liegt nicht unbedingt in der Menge auf der Nährwerttabelle, sondern in der Aufnahme. Häm-Eisen wird im Durchschnitt deutlich zuverlässiger aufgenommen. Die Aufnahme von pflanzlichem Nicht-Häm-Eisen schwankt wesentlich stärker und wird unter anderem durch Vitamin C, den Eisenstatus und die Zusammensetzung der Mahlzeit beeinflusst.
Phytate aus Getreide, Hülsenfrüchten, Nüssen und Samen können die Aufnahme zusätzlich verringern. Das bedeutet nicht, dass diese Lebensmittel ungesund sind. Es bedeutet nur, dass zehn Milligramm Eisen im Lebensmittel nicht automatisch zehn Milligramm Eisen für den Körper bedeuten.
Bei einem gesunden Menschen kann sich der Körper teilweise an eine geringere Eisenverfügbarkeit anpassen. Neuere Untersuchungen deuten darauf hin, dass Veganer bei niedrigen Eisenspeichern ihre Aufnahme von Nicht-Häm-Eisen steigern können. Diese Anpassung ist jedoch individuell und löst kein ausgeprägtes Aufnahmeproblem.
Und genau hier wird Johnsons Fall interessant.
Wenig Magensäure trifft auf schwerer verfügbares Eisen
Bei einer Autoimmungastritis werden die Belegzellen des Magens angegriffen. Dadurch kann die Produktion von Magensäure sinken.
Magensäure ist jedoch nicht nur dafür da, ein Steak aufzulösen oder Sodbrennen zu verursachen. Sie hilft dem Körper auch dabei, bestimmte Nährstoffe aus der Nahrung zu lösen und für die Aufnahme vorzubereiten.
Besonders anorganisches beziehungsweise pflanzliches Eisen ist auf ein günstiges chemisches Milieu angewiesen.
Johnson kombinierte somit möglicherweise zwei ungünstige Faktoren:
- eine Ernährung, deren Eisen überwiegend in der schlechter verfügbaren Nicht-Häm-Form vorliegt,
- und eine Erkrankung, die genau die Bedingungen für dessen Aufnahme verschlechtert.
Die vegane Ernährung hat seine Autoimmungastritis nach heutigem Wissensstand sehr wahrscheinlich nicht verursacht. Die Ursache solcher Erkrankungen liegt eher in einer Verbindung aus genetischer Veranlagung, gestörter Immunregulation und bislang nicht vollständig geklärten Umweltfaktoren. Autoimmungastritis tritt zudem häufiger zusammen mit anderen Autoimmunerkrankungen auf. Johnson leidet nach eigenen Angaben bereits seit jungen Jahren an einer autoimmunen Schilddrüsenerkrankung.
Trotzdem könnte seine Ernährung dazu beigetragen haben, dass der Eisenmangel ausgeprägter war oder sich schlechter korrigieren ließ.
Das ist keine Verurteilung. Es ist Biochemie.
Vitamin B12 könnte das nächste Problem werden
Noch deutlicher wird die Situation beim Vitamin B12.
Vitamin B12 kommt natürlicherweise in relevanten Mengen fast ausschließlich in tierischen Lebensmitteln vor. Menschen, die sich vegan ernähren, müssen es deshalb zuverlässig ergänzen.
Johnson tut das selbstverständlich.
Doch bei einer fortschreitenden Autoimmungastritis kann ein zweites Problem entstehen: Der Magen produziert möglicherweise nicht mehr ausreichend Intrinsic Factor. Dieses Transportprotein wird benötigt, damit Vitamin B12 im Dünndarm effektiv aufgenommen werden kann.
Zusätzlich hilft Magensäure dabei, Vitamin B12 aus Lebensmitteln freizusetzen.
Wenn beide Mechanismen gestört sind, kann selbst eine ausreichende Zufuhr wirkungslos werden. Deshalb benötigen manche Betroffene hohe orale Dosierungen oder Vitamin-B12-Injektionen.
Auch hier gilt:
Das Problem ist nicht einfach „vegan“.
Das Problem lautet:
Ein standardisiertes Ernährungssystem trifft auf einen Körper, der sich nicht an den Standard hält.
Johnsons größter Irrtum könnte das Denken in Messwerten sein
Bryan Johnson betrachtet seinen Körper weitgehend wie eine Maschine.
Eingabe: exakt berechnete Nährstoffe.
Ausgabe: möglichst perfekte Biomarker.
Dazwischen liegt jedoch ein Bereich, der sich nicht vollständig kontrollieren lässt: Verdauung, Aufnahme, Umwandlung, Speicherung, Immunreaktionen, genetische Unterschiede und das Zusammenspiel der Organe.
Eine Nährwerttabelle zeigt, was im Lebensmittel steckt.
Ein Blutwert zeigt, was zu einem bestimmten Zeitpunkt im Blut messbar ist.
Beides zeigt nicht vollständig, was tatsächlich in den Zellen ankommt, wie gut ein Stoff gespeichert wird oder welche Kompensationsmechanismen der Körper bereits aktiviert hat.
Johnson kann also rechnerisch genügend Eisen aufgenommen haben und trotzdem einen Eisenmangel entwickeln.
Er kann B12 supplementieren und dennoch irgendwann Schwierigkeiten mit dessen Aufnahme bekommen.
Er kann nahezu jeden bekannten Risikofaktor optimieren und trotzdem eine Autoimmunerkrankung entwickeln.
Der Körper ist eben keine Excel-Tabelle mit Haut.
Ist vegane Ernährung deshalb grundsätzlich falsch?
Nein.
Eine ausgewogene vegane Ernährung kann funktionieren. Sie muss jedoch geplant, ergänzt und regelmäßig überprüft werden. Manche Menschen kommen damit über Jahrzehnte gut zurecht.
Aber die Aussage „vegan ist für jeden Menschen in jeder Situation optimal“ ist ebenso wenig wissenschaftlich wie die Behauptung, jeder Mensch müsse täglich Fleisch essen.
Ernährung sollte sich nach dem Menschen richten.
Nicht der Mensch nach der Ernährungsideologie.
Bei jemandem mit chronisch niedrigem Ferritin, verminderter Magensäure oder einer Erkrankung der Magenschleimhaut wäre es zumindest vernünftig zu prüfen, ob leicht verfügbare tierische Nährstoffquellen hilfreich sein könnten.
Dazu könnten – abhängig von Verträglichkeit, Laborwerten und persönlichen Überzeugungen – gehören:
Fisch, Eier, Muscheln, fermentierte Milchprodukte oder gelegentlich eine kleine Menge Fleisch.
Bei einer ausgeprägten Aufnahmestörung reicht allerdings auch das nicht immer. Dann können Eiseninfusionen oder Vitamin-B12-Injektionen notwendig werden. Eine Erkrankung lässt sich nicht automatisch mit einem Stück Leber wegessen.
Die eigentliche Lehre aus Bryan Johnsons Diagnose
Johnson wird von manchen Menschen verspottet, weil ausgerechnet der Mann, der nicht sterben möchte, eine unheilbare Erkrankung bekommen hat.
Das ist ziemlich billig.
Seine Erkrankung beweist nicht, dass Bewegung, Schlaf, gesunde Ernährung und Vorsorge nutzlos sind.
Sie beweist etwas anderes:
Gesundheit ist keine Belohnung für perfektes Verhalten.
Man kann vieles beeinflussen. Aber nicht alles.
Und vielleicht zeigt Johnsons Fall noch eine zweite Wahrheit:
Je stärker wir Ernährung standardisieren, berechnen und ideologisch festlegen, desto größer wird die Gefahr, dass wir die tatsächlichen Signale des Körpers übersehen.
Elf Jahre lang war sein Ferritin offenbar auffällig niedrig. In einem normalen Menschen hätte man vielleicht die Ernährung hinterfragt. In Johnsons perfekt konstruiertem System wurde stattdessen immer weiter gemessen, ergänzt und optimiert.
Bis eine Gewebeprobe zeigte, dass das eigentliche Problem tiefer lag.
Die richtige Reaktion darauf ist weder Schadenfreude noch ein reflexartiger Angriff auf vegane Ernährung.
Die richtige Reaktion ist eine unbequeme Frage:
Warum halten wir so gern an einem Ernährungssystem fest, obwohl unser eigener Körper längst Einspruch erhebt?
Vielleicht besteht die beste Ernährung nicht aus einer festen Liste perfekter Lebensmittel.
Vielleicht besteht sie aus der Fähigkeit, rechtzeitig umzudenken.

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